örtlich betäubt von Günter Grass

Früher Erfolg kann eine Bürde sein und kaum jemand wird dies deutlicher gespürt haben als Günter Grass. Die Blechtrommel machte ihn zum Weltstar, schon Katz und Maus und die Hundejahre konnten an Oskars überbordenden Erfolg nicht anknüpfen. örtlich betäubt ist nun der vierte Roman aus Grass Feder, erschienen unmittelbar vor seinem Wahlkampf für  Willy Brandt im Jahre 1969. Diese heikle Lancierung mag einer der Gründe dafür gewesen sein, warum das Buch von der deutschen Kritik reserviert aufgenommen wurde. Vielleicht ist es daher ein glücklicher Zufall, dass inzwischen eine Lektüre ohne entstehungspolitische Vorbehalte möglich ist. Denn auch örtlich betäubt hat seinen Reiz.

Zwischen Anpassung und Revolution

Hauptfigur ist der Studienrat Eberhard Starusch, einst Anführer jener Stäuberbande, die Oskar den Namen Jesus gab, selbst als Störtebeker bekannt und gefürchtet. Von seinem umstürzlerischen Wesen ist in der Nachkriegszeit rein äußerlich nicht viel übriggeblieben, denn letztlich hat ihn sein Skeptizismus einen Weg einschlagen lassen, der typisch für seine Generation ist:

Nichts können wir [aus der Geschichte] lernen. Es gibt keinen Fortschritt, allenfalls Spuren im Schnee…

Dieser beinahe poststrukturalistischen Fortschrittsskepsis tritt die revolutionäre Überzeugung seines Schülers Scherbaum entgegen. Dieser will, ein Spiegelbild des früheren Störtebeker, aus Protest gegen den Vietnamkrieg seinen Hund öffentlichkeitswirksam verbrennen. Die Beziehung dieser zwei Figuren, Staruschs Versuch, Scherbaum vom Verbrennen seines Hundes abzubringen, bildet den Kern der Erzählung.

Weniger Roman und mehr Befindlichkeitsaufnahme

An sich erscheint mir die Handlung von örtlich betäubt eher als Vehikel für das wahre Anliegen des Buches: Es ist zeitgleich eine Momentaufnahme der deutschen Befindlichkeit in den 60’er Jahren und ein Aufruf zur Mäßigung, ein Eintritt gegen gewaltsame Revolution.

Starusch resigniert als ehemaliger Revolutionär angesichts der sich fortsetzenden Herrschaft des Nazi-Klientels in der Politik (Stichwort: Kiesinger, von Scherbaum als ‚Silberzunge‘ bezeichnet). Er schlägt einen anderen Weg ein, um Mäßigung zu lehren, während seine Kollegin Irmgard Seifert auf der Suche nach Erlösung ist, da sie als ehemals glühende Anhängerin des BDM (möglicherweise) jemanden verleumdet hat. Scherbaum schließlich entsagt seinem Plan der Hundeverbrennung, um nicht – wie sein Lehrer – im gehobenen Alter ausschließlich von den Taten eines Siebzehnjährigen erzählen zu müssen. Dies, so legt das Buch nahe, ist vielleicht der einzig mögliche Ausbruch aus einer Geschichte, aus der sich mit Staruschs Worten nichts lernen lässt:

[…] die Geschichte – so absolut folgerichtig sie ihre Waffensysteme weiterentwickelt hat – kann uns keine Lehre vermitteln.

Scherbaum hingegen kann zumindest Hoffnung wecken, eine Hoffnung, die auch angesichts der aktuellen politischen Bewegungen bitter nötig scheint.

Und ewig ruft die Metapher

Sprachlich greift Grass auf Bewährtes zurück, entzündet seine Erzählung wieder einmal an einer Metapher (örtliche Betäubung) und lässt wie schon in der Blechtrommel einen Gegenstand, den zahnärztlichen Fernseher, als Katalysator für Staruschs Reflexionen dienen. Man mag das nach all den vorangegangenen Büchern etwas abgeschmackt finden, mich fasziniert der oft sperrige und immer wieder überraschende Stil nach wie vor. Selbst Beim Häuten der Zwiebel wird vorweggenommen, denn diese Metapher dient Starusch zur Beschreibung der fortgesetzten Unterhaltungen mit seinem Zahnarzt. Dies ist an manchen Stellen möglicherweise zu viel der Artistik, drängt sich doch der Kunstcharakter des Werks allzu deutlich auf, was dem realpolitischen Anliegen des Buches zuwiderläuft.

Faszinierend ist es dennoch, zumal mir kaum ein Buch einfällt, dessen Rezeption so deutlich von seinen Entstehungsumständen gelenkt wurde. Das wiederum zeigt auf beispiellose Weise, dass literarische Kritik nie zu einem Ende kommen kann. Für mich ist der Roman trotz seiner Sperrigkeit eine mehr als lohnenswerte Angelegenheit, weshalb ich ihn besonders denjenigen empfehlen möchte, die wissen wollen, was Grass abseits seiner kanonischen Texte noch so zu Papier gebracht hat. Als Einstieg in dessen Epik eignet er sich indes weniger.