Bei der Trauungszeremonie sah ich auf einmal, als der Küster etwas zur Seite rückte, in einer Kapelle eine blonde Dame sitzen mit großer Nase, blauen, durchdringenden Augen, einer wallenden Krawatte aus malvenfarbener, glatter, neuer, glänzender Seide und einem kleinen Pickel im Nasenwinkel. […] es war die Herzogin [von Guermantes, W.S.] selbst! Meine Enttäuschung darüber war groß. (254-255)

Marcel Prousts Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist so außerordentlich, man müsste ihn komplett zitieren. Warum also beschränke ich mich hier gerade auf diese Zeilen aus dem ersten Band, Unterwegs zu Swann?

Die Antwort darauf ist einfach und schwierig zugleich, denn der angeführte Passus ist in mehrfacher Hinsicht charakteristisch sowohl für die Hauptfigur als auch für den Roman selbst. Architektonisch gehen die Zeilen unmittelbar der Beschreibung der drei Kirchtürme voran, die – zumindest in Marcels Erinnerung – seine Initialzündung als Schriftsteller markieren: Sie gestatten es ihm zum ersten Mal, den schon lange vermuteten verborgenen Sinn hinter den Gegenständen des alltäglichen Lebens in Worte zu kleiden. Die Begegnung mit der Herzogin von Guermantes verläuft dagegen in umgekehrter Richtung: Hier ist das poetisch überhöhte Bild bereits vorhanden und wird einer Wirklichkeit gegenübergestellt, die insbesondere durch die Erwähnung des körperlichen Makels in besonders krassem Kontrast zur Imagination steht. Es ist in beiden Fällen diese Reibung zwischen Realität und Wahrnehmung bzw. Wahrnehmung und Realität, aus der sich Marcel nur schreibend befreien kann, die aber gleichzeitig Voraussetzung seiner schriftstellerischen Produktivität und damit Voraussetzung des Romans selbst ist.

Kurz: Ohne Marcels Erfahrung der Wirklichkeit gäbe es Auf der Suche nach der verlorenen Zeit nicht. Welche Begründung könnte überzeugender für ein Zitat der Woche sein?

Zitiert nach:

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1: Unterwegs zu Swann
ISBN: 978-3-518-06175-6
Available in: Paperback