Don Quixote

Don Quixote (Quelle: http://renderingtheelanvital.files.wordpress.com/)

Dass Don Quixote unter einem ganz und gar eigentümlichen Unvermögen leidet, Realität und Fiktion auseinanderzuhalten, ist hinlänglich bekannt, es macht aber nur einen Teil des literarischen Reizes der berühmten Figur Miguel de Cervantes Saavedras aus. Der Roman ist nämlich darüber hinaus ein faszinierender poetologischer Schlagabtausch, ausgetragen  vom bunt gemischten Figurenpersonal.

Daher soll nun eben dieser Ritter von der traurigen Gestalt den Grundstein legen für die Kategorie ‚Zitat des Tages‘. Es stammt aus dem 16. Kapitel des zweiten Buches und erzählt von Don Quixotes erster Begegnung mit dem Edelmanne Don Diego de Miranda. Dieser klagt dem Abenteurer sein bitteres Leid, mit einem Sohn geschlagen zu sein, der sich gänzlich dem Studium der Poesie verschrieben hätte, anstatt sich auf die Rechtsgelehrsamkeit zu konzentrieren, die sein Vater für ein weit wichtigeres Fach hält. Don Quixote, literaturbegeistert, wie er nun einmal ist, antwortet ihm mit einer flammenden Apologie auf den Wert der Poesie:

Die Poesie, mein edler Herr, kommt mir nicht anders wie eine zarte und blühende Jungfrau vor, die mit der größten Schönheit geschmückt ist; viele andere Jungfrauen sind sorgsam geschäftig, sie kostbar und zierlich auszuputzen, und dies sind alle übrigen Wissenschaften; sie läßt sich von allen bedienen, und alle übrigen stehen gern unter ihrem Befehle.

Die in diesen Zeilen implizierte, im Romanganzen auch explizierte und zugleich verwirklichte Forderung nach einer Kritikfähigkeit und Selbstreflexivität sowohl im Rahmen der Produktion als auch der Rezeption des (eigenen) poetischen Schaffens ist selten eindringlicher auf den Punkt gebracht worden. Sie hat – abstrahiert man von Anleihen an normative Regelpoetiken – nichts von ihrer Aktualität verloren.