Ann Cotten: Verbannt!

Und in der Tat, warum sollte jemand das lesen?

Die Handlung – nach Inger Christensen – gibt es,

doch nur als Untergrund für dieses Reimewesen,

das die Handlung begleitet wie ein Striptease.

Und über weite dunkle Stellen wippt es,

unsicher, nur so rum und wartet auf den Plot,

der aber, wie im Lehnstuhl ein alter Lokalgott,

sich ziert, weil er noch ein bisschen mehr Striptease sehen

möchte, immer noch hoffend, dass die Hemmungen vergehen.

Die Strophe stammt aus der Einleitung von Ann Cottens wunderbar-durchgeknalltem Werk Verbannt!, das sich, komplett in Spenserstrophen verfasst, tatsächlich immer auch an der Grenze zwischen Form und Inhalt abarbeitet; die Gattungsbezeichnung Versepos nimmt es bereits vorweg.

Es ist unter anderem diese Grenze und die damit verbundene Hemmung vor der ausschließlich mit sich selbst beschäftigten Sprache, die mir die Lyrik immer wieder verschließt, denn sie lässt sich weder in der Reduktion auf das eine noch auf das andere einfangen. Indem Cotten in der Einleitung exakt dieses Dilemma anspricht und zugleich ein, selbstredend vages, Argument für die Lektüre ins Feld führt – sie solle zu ‚Gewagterem aufwiegeln‘ – gibt sie dem Leser auch eine erste Orientierung an die Hand. Die hat der Text durchaus nötig, lässt er doch unverbunden Höchstes und Niedrigstes, Vernunft und Wahnsinn aufeinanderprallen, sodass dem Leser bei der Lektüre bisweilen schwindelig wird von der schieren assoziativen und sprachlichen Vielfalt. Eine zentrale Strophe in einem zumindest bemerkenswerten Buch also, über die sich nachzudenken lohnt.