Welche Bücher sollte man gelesen haben?

Welche Bücher sollte man gelesen haben? (Quelle: spreadshirt.net)

Die Frage nach Büchern, die man unbedingt kennen sollte, beschäftigt die Leserschaft schon seit Erfindung des Buchdrucks. Um es kurz zu machen: Sie war damals genau so bescheuert wie heute, da sie von einer vollkommen inadäquaten Herangehensweise an Literatur zeugt.

Belesenheit ist sexy

Dolph Lundgren und Grace Jones

Würden Sie sich von diesem Mann Kants „Kritik der reinen Vernunft“ erklären lassen? (Dolph Lundgren ist übrigens der mit dem lasziven Blick im Hintergrund) (Quelle: tumblr.com)

Die meisten Leute, die sich diese Frage stellen, gehen nämlich von einem kausalen Zusammenhang zwischen Belesenheit und Intelligenz aus und Intelligenz macht bekanntlich sexy; oder doch nicht? Dolph Lundgren beispielsweise ist – man mag es ob seiner Filmographie kaum glauben – mit einem geschätzten IQ von 160 tatsächlich überdurchschnittlich intelligent und als ehemaliger Fulbright-Stipendiat am Massachusetts Institute of Technology (MIT) sicherlich auch sehr belesen. Doch ist dieser Mann sexy? (siehe Bild rechts) Und sein Expandables-Kollege Chuck Norris ist den vielzitierten ‚Facts‘ zufolge derart intelligent, dass er schwarze Filzstifte nach Farben sortieren kann. Ok; so richtig geil ist dieser letzte Witz nicht.

Wenden wir uns jedoch ab von den Reichen und – äh – Intelligenten und stellen wir uns folgende Situation vor: Zwei Promotionsstudenten begegnen sich in einer Kneipe und finden Gefallen aneinander. Er schreibt an einer Dissertation über Niklas Luhmann, sie hingegen brütet über Michel Foucaults Die Ordnung der Dinge. Als es dann zu später Stunde so richtig knistert, möchte er ihr seine Zuneigung beweisen und haucht in ihr Ohr:

Liebe ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium.

Wem es hier noch nicht zu heiß wird, der fährt garantiert auch auf ihre Replik ab:

Der Mensch ist eine empirisch-transzendentale Dublette.

Eine heiße poststrukturalistische Vereinigung im Zeichen einer horizontal ineinander verschränkten anthropologischen Dublette ist hier vorprogrammiert. Ob dies auch auf empirischer Ebene geschieht, bleibt gleichwohl zweifelhaft.

Man kann gut mit Zitaten angeben

Sicherlich schindet man als personifiziertes Literaturverwaltungsprogramm Eindruck. Im richtigen Augenblick und mit der nötigen Coolness platziert, kann man mit einem Zitat weltliterarischen Gewichts nicht nur beweisen, dass man eine unerschöpfliche Bibliothek gelesen und im Kopf hat, sondern auch, dass man sie überzeitlich einzusetzen vermag.

So oder so ähnlich dachte auch ich, als ich bei einem abendlichen Essen bei Kerzenschein, auf meinen literarischen Wissensschatz angesprochen, folgendes Zitat aus James Joyces Ulysses (klar, es musste etwas vermeintlich ‚unlesbares‘ sein) zum besten gab:

In Ruhe las er, seinen Drang noch unterdrückend, die erste Spalte und begann, schon nachgebend, doch mit Widerstreben noch, die zweite. Auf ihrer Mitte angelangt, gab er seinen letzten Widerstand auf und erlaubte seinen Eingeweiden, sich zu erleichtern, ganz so gemächlich, wie er las, und immer noch geduldig lesend, die leichte Verstopfung von gestern ganz verschwunden. Hoffentlich ists nicht zu groß, geht sonst mit den Hämorrhoiden wieder los.

Was soll ich sagen? Das Essen war kurz und ich blieb noch eine ganze Weile Single.

Schriftsteller und ihre Rezeption

Die Überzeugung, mit Belesenheit einen seriösen und begehrenswerten Eindruck zu machen und daher einen wie auch immer definierten Kanon des Blätterwalds durchleiden zu müssen, steht in krassem Gegensatz zum Lebenswandel der meisten Schöpfer literarischer Monolithen. Ernest Hemingway hat bis zu seinem Suizid 1961 keine Party ausgelassen, Elias Canetti – wie Hemingway Literaturnobelpreisträger – war ein notorischer und ständig vom finanziellen Ruin verfolgter Schürzenjäger und Friedrich Nietzsche, der immerhin mit 24 Jahren als außerordentlicher Professor für klassische Philologie an die Universität Basel berufen wurde… nun, der hatte eine große Menge anderer Probleme, die sich mit keinem Verständnis von Seriosität vereinbaren lassen.

Aber welche Bücher soll man denn nun lesen?

Mir geht es nicht darum, irgendjemanden von der Lektüre der literarischen Klassiker abzuhalten. Ganz im Gegenteil! Alle hier genannten Schriftsteller und Philosophen werden nicht umsonst als Koryphäen der Geistesgeschichte verehrt. Aber darauf kommt es nicht an. Es geht um die Art und Weise, wie man von einem Buch angesprochen wird. Franz Kafka hat einmal in einem Brief an Oskar Pollak geschrieben:

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?

Auch das ist natürlich jetzt im angeprangerten Klugscheißer-Modus gesagt, denn ich profiliere mich damit als jemand, der sich durch Kafkas Briefwechsel gequält hat. Für mich persönlich steckt aber eine Wahrheit in diesen Sätzen, die direkt auf die Frage abzielt, welche Bücher man gelesen haben muss. Vielleicht kann ich es am besten so formulieren: Nehmen Sie nur solche Werke zur Hand, die Ihnen die Augen öffnen, die Ihnen unbekannte Welten zeigen und die Sie voranbringen: Nicht im Hinblick auf das Ideal der Belesenheit, auch nicht im Hinblick auf die Anreicherung unnützen Wissens, sondern vielmehr im Hinblick auf all das, was Sie als Unterhaltung verstehen. Sei es in tröstlicher, belehrender oder auch schlicht entrückender Hinsicht. Ein derart organisierter Kanon kann aber nicht vorgegeben, sondern nur erfahren werden. In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende und viel Spaß bei weiteren Lektüren!