The Cuckoo's Calling by Robert Galbraith

The Cuckoo’s Calling by Robert Galbraith (Quelle: guardian.co.uk)

Inzwischen dürfte hinlänglich bekannt sein, dass Joanne K. Rowling mit einem neuen Roman an die Öffentlichkeit getreten ist, der nichts mit Magiern, eigentümlichen Neologismen und domestizierten Eulen am Zauberhut hat. The Cuckoo’s Calling heißt das Werk, ein Krimi im klassischen Sinne, und – zunächst nur mäßig erfolgreich. Dies liegt sicherlich vornehmlich daran, dass nicht Rowlings weltberühmter Name auf dem Cover prangt, sondern ein Autor als Urheber des Werks ausgewiesen wird, der mit diesem Roman debütiert. Zumindest vermeintlich: Denn hinter dem Pseudonym Robert Galbraith verbirgt sich niemand anderes als die Schöpferin von Harry Potter und Co. Jetzt, pünktlich zur Urlaubssaison, ist die Bombe geplatzt und das Buch verkauft sich millionenfach; ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Warum schreiben Autoren unter einem Pseudonym?

Rowling befindet sich mit der Imagination eines zweiten Schriftsteller-Ichs in durchaus prominenter Gesellschaft, denn das Pseudonym ist so alt wie die Literatur selbst. Was im alltäglichen sozialen Umgang als pathologische Form der dissoziativen Identitätsstörung gebrandmarkt würde, ist im Geschäft mit dem geschriebenen Wort gang und gäbe. Doch warum sind Autoren offenbar so scharf darauf, sich zusätzliche Persönlichkeiten zuzulegen?

Das Pseudonym als Möglichkeit künstlerischer Befreiung

Joanne K. Rowling

Joanne K. Rowling (Quelle: badische-zeitung.de)

Joanne K. Rowling ließ auf Ihrer Website durchblicken, sie hätte das Geheimnis um die wahre Identität ihres Alter Egos gerne noch ein wenig länger bewahrt:

I hoped to keep this secret a little longer, because being Robert Galbraith has been such a liberating experience! It has been wonderful to publish without hype or expectation and pure pleasure to get feedback from publishers and readers under a different name.

Die positive Erfahrung, von der die Autorin hier schreibt, liegt natürlich in der Befreiung von dem enormen Druck, sich sofort an früheren Werken messen lassen zu müssen: Der Hype, den sie ja nun wie keine zweite Person des literarischen Betriebs selbst befeuert hat, kann eben auch zur Last werden.

Der Hang zur Selbstinszenierung

Martin Walser auf der lit.Cologne 2010

Martin Walser auf der lit.Cologne 2010 (Quelle: wikipedia.de)

Auch wenn in den Köpfen vieler Menschen gerade in Deutschland immer noch das Bild des in sich gekehrten, kontaktscheuen Dichters vorherrscht, der in seinem stillen Kämmerlein seine psychischen Probleme mit der Feder zu bewältigen versucht, sind Schriftsteller – nicht anders als Schauspieler – Personen des öffentlichen Lebens und als solche in der Regel ganz und gar nicht menschenscheu. Goethe, Mann, Hesse (auch schreibend unter dem Pseudonym Emil Sinclair in Erscheinung getreten), Grass und Walser sind bzw. waren keine Autoren, die sich raushielten, sondern die die Selbstinszenierung zelebrier(t)en. Darauf zielt der zweite Teil des Rowling-Zitats ab. Dort ist von diebischer Freude darüber die Rede, die Leser- und Kritikerschaft an der Nase herumgeführt zu haben.

Politische Motivation

Erich Kästner

Erich Kästner (Quelle: zeit.de)

Fernab künstlerischer Entscheidungen für ein Pseudonym gibt es auch eine Reihe an Schriftstellern, die sich aus politischen Motiven zumindest zeitweise entschlossen, unter anderem Namen zu arbeiten. Erich Kästner beispielsweise musste sich 1927 mit einer Kündigung seitens der ‚Neuen Leipziger Zeitung‘ abfinden, die ihm aufgrund eines Gedichtes Frivolität vorwarf. Dies hinderte ihn nicht daran, noch im selben Jahr im gleichen Haus als externer Kulturkorrespondent aufzutreten; unter dem Namen Berthold Bürger.

Ähnlich – allerdings unter weit negativeren Vorzeichen – verfuhr auch der umstrittene Komponist Richard Wagner, der seinen antisemitischen Artikel Das Judenthum in der Musik zunächst in der ‚Neuen Zeitschrift für Musik‘ unter dem Namen K. Freigedank publizierte. Kurz darauf ließ er freilich eine in ihrem Antisemitismus noch wesentlich harschere Fassung unter eigenem Namen verbreiten. Dies ist einer der Gründe dafür, weshalb die Wagner-Rezeption in Deutschland nach wie vor im Koordinatensystem seines ambivalenten Verhältnisses zum Judentum durchdekliniert wird.

…und vielleicht gibt es manchmal einfach keinen plausiblen Grund

Stephen King

Stephen King (Quelle: examiner.com)

Stephen King kann ebenfalls auf weitreichende Erfahrungen mit verschiedenen Persönlichkeiten zurückblicken: Er ist unter den Namen John Swithen und Richard Bachman aufgetreten und hat mit Stark einen Roman geschrieben, in dem es um die symbolische Beerdigung eines Pseudonyms geht. Leider ist das Grab am Tag nach der Bestattung ausgehoben: Das nunmehr leibhaftige Alter Ego des Schriftstellers Thaddeus Beaumont ist von seiner Pensionierung nicht begeistert und macht nun Jagd auf den Autor.

King hat über seine Erfahrungen aber nicht nur einen spannenden und selbst für seine Verhältnisse übermäßig blutrünstigen Roman, sondern auch einen wundervollen Aufsatz geschrieben, der den Titel Warum ich Richard Bachman war trägt. Dort heißt es über die Enttarnung und die Begründung für das zweite Ich gleich zu Beginn:

Aus zwei Gründen bin ich schließlich mit dem Namen Bachman in Verbindung gebracht worden; einmal, weil die ersten vier Bücher […] Personen gewidmet waren, die man mit meinem Leben in Beziehung setzen konnte, und zweitens, weil mein Name bei einem der Bücher im Copyright aufgetaucht ist. Jetzt werde ich ständig nach dem Grund gefragt, aber ich kann keine befriedigende Antwort darauf finden.

Es ist doch jedenfalls eine gute Sache, daß ich niemanden umgebracht habe, oder?

Zur letzten (hoffentlich) rhetorischen Frage kann ich nur sagen: Durchaus!