Jan Wagner: Regentonnenvariationen

Finden die Poesie in Regentonnen und Tennisbällen: Jan Wagners „Regentonnenvariationen“.

Es ist kein Wunder, dass giersch nicht bloß den Auftakt der Regentonnenvariationen bildet, sondern darüber hinaus auch den Klappentext ziert:

nicht zu unterschätzen: der giersch

mit dem begehren schon im namen – darum

die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch

wie ein tyrannentraum.

 

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,

schickt seine kassiber

durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,

bis irgendwo erneut ein weißes wider-

 

standsnest emporschießt. hinter der garage,

beim knirschenden kies, der kirsche: giersch

als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

 

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch

schier überall sprießt, im ganzen garten giersch

sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

giersch ist vollendetes Zusammenspiel von Form und Inhalt, das Sonett versucht vergeblich, dem überbordenden Wachstum des Unkrauts Einhalt zu gebieten, das sich gerade in den abschließenden Terzetten mit Assonanz und Alliteration auch sprachlich Bahn bricht bis schließlich nichts mehr bleibt als eben … giersch.

Von der Poesie alltäglicher Beobachtungen

Lyrik zu besprechen, fällt mir nicht leicht, weil mich jedes Mal die dunkle Ahnung beschleicht, nicht über das notwendige Vokabular zu verfügen: Entweder, ein Gedicht spricht mich unmittelbar an oder eben nicht. Formale Beschreibungen erscheinen mir immer ein Stück weit als Krücken für die Verlegenheit, mein subjektives Empfinden irgendwie objektivieren zu müssen.

Jan Wagners Regentonnenvariationen gehören allerdings besprochen. Sie gefallen mir – ausgelöst durch meine Infizierung mit dem giersch – außerordentlich gut, auch wenn sie in der literarischen Landschaft ein eher kontroverses Echo ausgelöst haben. Dies bezeugt die gleichermaßen polemische wie unterhaltsame Kolumne Georg Diez im ‚Spiegel‘ mitsamt ihren provozierten Reaktionen.

Dass Diez nun ausgerechnet das Gedicht versuch über silberdisteln heranzieht, um Wagner Humorlosigkeit und formale Ödnis zu attestieren, erschließt sich mir bei aller Nachvollziehbarkeit seiner Polemik nicht. Gerade dieses Textstück entfaltet doch nun das große Thema des Bandes auf äußerst humorvolle Weise: Den Perspektivwechsel zwischen dem Mikrokosmos botanischer Beobachtungen und dem Makrokosmos astrologischer Erkenntnis.

es gibt die konstellationen

des südlichen und des nördlichen himmels,

und es gibt sie: die silberdisteln.

Diese nahtlose Nebeneinanderstellung zwischen Profanem und Sakralem ist durchaus witzig, Wagner treibt sie in der Folge konsequent auf die Spitze:

auch jener astrologe,

der im dunkel zu lesen versteht,

barfuß über die wiese geht,

wird an sie denken.

Von nicht minder großer Freude am Sprachwitz legt auch koalas Zeugnis ab, beschwört die Tiere in erfrischend unverbrauchter Metaphorik als „boheme der trägheit, die sich in den wipfeln hält und hält“.

Sprachliche Meisterschaft auf minimalem Raum

Dichtung ist immer auch Verdichtung auf mehr oder weniger begrenztem Raum. Und genau in diesem Raum herrscht Wagner uneingeschränkt, weshalb die in Regentonnenvariationen enthaltenen Beobachtungen trotz ihrer Kürze und nicht zuletzt aufgrund ihres überwiegenden Verzichts auf Endreime fordern. Aber sie belohnen auch: Mit sprachlich meisterhaften Reflexionen über das oft nur oberflächlich Alltägliche, das durch das poetische Brennglas betrachtet in vollkommen neuem Kontext erscheint. Zugegeben: Nicht alle Texte haben sich mir bei der ersten Lektüre erschlossen. Da hilft wohl nur eines: Die Regentonnenvariationen erneut und immer wieder zur Hand zu nehmen.