Silvester 2013

Silvester 2013 (Quelle: stefanrappenglueck.de)

2013 neigt sich mit Riesenschritten dem Ende zu und auch in diesem Jahr gab es mehr als nur ein laues Lüftchen im Blätterwald: Es wurde publiziert, gefeiert und getrauert. Die wichtigsten Fakten und Eckdaten habe ich in einem kleinen Überblick zusammengetragen, der keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sollte ich etwas Unverzichtbares vergessen haben, schreiben Sie mir gerne oder kommentieren Sie den Artikel. Viel Spaß beim Lesen!

Alice Munro erhält den Nobelpreis für Literatur

Alice Munro

Alice Munro (Quelle: zeit.de)

Die kanadische Schriftstellerin Alice Munro erhielt 2013 den Nobelpreis für Literatur. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Verdienste um die literarische Form der Kurzgeschichte. Sie sei, wie es auf der offiziellen Seite des Nobelpreises heißt:

[the] master of the contemporary short story.

Munro, die am 10. Juli 1931 in Wingham geboren wurde, schreibt bereits seit ihrer Jugend, ihr erstes Buch Dance of the Happy Shades erschien 1968. Es wurde mit dem wichtigsten Literaturpreis Kanadas ausgezeichnet, dem ‚Governor General’s Award for Fiction‘. Nach dem Abbruch ihres Studiums der Fächer Journalismus und Englisch an der University of Western Ontario eröffnete sie mit ihrem Mann in Victoria (British Columbia) einen Buchladen, der noch heute existiert.

Zur Kurzgeschichte kam sie einem Interview mit der ZEIT zufolge aus rein praktischen Gründen:

Als ich zu schreiben begann, in den Fünfzigern, war ich wie alle Frauen damals eine Hausfrau, ich hatte kleine Kinder, mein Mann arbeitete außer Haus. Ich hatte schlicht zu wenig Zeit für das Schreiben, keine Zeit für große Würfe. Zur Kurzgeschichte fand ich also aus sehr praktischen Gründen. Und ich glaube, es ging den meisten schreibenden Frauen meiner Generation so: Sie mussten sich ihre Zeit fürs Schreiben zusammenstehlen.

Munro hat seit Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn mehr als zwölf Bände mit Kurzgeschichten und einen Roman veröffentlicht. Als besonderes Glück empfinde sie die Auszeichnung für die kanadische Literatur. Sie hoffe nun auf eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit für die Schriftsteller ihres Heimatlandes.

Mit dem Gewinn des Preises konnte sich Munro gegen eine Reihe literarischer Hochkaräter durchsetzen, die ebenfalls ganz oben auf der Liste der Buchmacher standen. Unter ihnen befanden sich der Japaner Haruki Murakami und der Ungar Péter Nádas, dessen Roman Parallelgeschichten 2012 in deutscher Übersetzung bei Rowohlt erschien.

Weitere Literaturpreise 2013

Der Nobelpreis für Literatur mag der wirkmächtigste Literaturpreis der Welt sein, der einzige ist er nicht. Der Georg-Büchner-Preis 2013 ging in diesem Jahr an Sibylle Lewitscharoff. In der Begründung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung werden u.a. ihre besondere Form der Beobachtung und ihre sprachliche Virtuosität gelobt. Den vollständigen Text in PDF-Form gibt es auf der offiziellen Homepage.

Die ungarische Schriftstellerin Terézia Mora erhielt im Oktober den Deutschen Buchpreis 2013 für ihren Roman Das Ungeheuer. Das Buch erzählt die Geschichte des IT-Experten Darius Kopp, der nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes und dem Selbstmord seiner Frau den Boden unter Füßen verliert. Beeinflusst durch die Lektüre ihres Tagebuchs versucht er, sein Leben umzukrempeln.

Der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2013 ging an die Autorin Marion Poschmann. Ihr Roman Die Sonnenposition berichtet von dem Therapeuten Altfried Janisch, der seinen Patienten gegenüber die titelgebende Sonnenposition einnehmen will, um sie zu trösten und ihnen die verlorene Orientierung wiederzugeben. Dass diese ihm nach und nach selbst abhandenkommt, zeigt sich an seiner Reaktion auf den plötzlichen Unfalltod seines Freundes Odilo. In ihrer Begründung würdigte die Jury insbesondere die Dialektik zwischen Licht und Dunkelheit, die den Roman durchziehe. Marion Poschmann sei

eine Meisterin der Camouflage und der Mimikry, der Spiegelung und Täuschung, der Dialektik des Sich-Zeigens und des Verbergens.

Marcel Reich-Ranicki gestorben

Marcel Reich-Ranicki

Marcel Reich-Ranicki (Quelle: sueddeutsche.de)

Am 18. September ist Marcel Reich-Ranicki in Frankfurt am Main im Alter von 93 Jahren gestorben. Reich-Ranicki war der einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker der Gegenwart.

Er wurde am 20. Juni 1920 in Włocławek geboren und siedelte nach der Insolvenz seines Vaters zu Verwandten nach Berlin über, wo er  zunächst das Werner-Siemens-Realgymnasium und dann ab 1935 das Fichte-Gymnasium besuchte. Trotz seiner jüdischen Wurzeln konnte er dort 1938 das Abitur machen, wurde allerdings im Anschluss nach Polen ausgewiesen und kam dort nach kurzer Zeit ins Warschauer Ghetto. Mit seiner Frau Teofila gelang ihm im Januar 1943 die Flucht vor der Deportation.

Größere Bekanntheit erlangte Reich-Ranicki in seiner Frankfurter Zeit durch die ZDF-Sendung ‚Das Literarische Quartett‘, das vom 25. März 1988 bis zum 14. Dezember 2001 ausgestrahlt wurde. Damals war er bereits seit einigen Jahren Leiter der Literaturredaktion der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘. In einem sehr bewegenden Nachruf erinnert FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher an den Literaturkritiker und bezeichnet ihn als

permanente[n] Protest gegen Langeweile und Mittelmaß. Niemand vermochte einer ganzen Gesellschaft die Bedeutung von Literatur so zu vermitteln wie er.

Die Vermittlung der Bedeutung von Literatur auch über die Grenzen des akademischen Elfenbeinturms hinaus; das war Reich-Ranickis großes Verdienst. Auch wenn ich seine unmäßige Wertschätzung des ohne Zweifel großartigen aber eben auch umstrittenen Autors Philip Roths immer befremdlich fand, ist ein großer Mann von uns gegangen, dessen Vermächtnis die Zeit überdauern wird.

Weitere Todesfälle 2013

Was für Literaturpreise gilt, gilt leider auch für die Todesfälle in der literarischen Welt. Am 17. November 2013 ist die Literaturnobelpreisträgerin Doris Lessing im Alter von 94 Jahren gestorben. Lessing galt als Vordenkerin des Postkolonialismus und Feminismus und bediente sich in ihrer fünfbändigen Reihe Canopus im Argos: Archive dem Genre der Science Fiction, um sich differenziert mit dem Sufismus auseinanderzusetzen. 2007 bekam sie den Nobelpreis für ihre Verdienste um die literarische Aufarbeitung weiblicher Erfahrungen:

that epicist of the female experience, who with scepticism, fire and visionary power has subjected a divided civilisation to scrutiny

Am 1. Oktober 2013 ist der US-Bestsellerautor Tom Clancy gestorben. Bereits sein erster Roman Jagd auf Roter Oktober wurde 1984 zu einem Millionenbestseller und machte Clancy praktisch über Nacht weltberühmt. Ebenfalls aus der Feder des ehemaligen Versicherungsagenten stammen Die Stunde der Patrioten (1987) und Befehl von oben (1996). Letztgenannter Roman erzählt von einem Flugzeugangriff auf das Capitol, bei dem ein Großteil der US-Regierung ums Leben kommt und scheint damit die Terroranschläge von 2001 vorwegzunehmen.

Tauziehen um den Suhrkamp Verlag

Suhrkamp Verlag Klingelschild

Suhrkamp Verlag Klingelschild (Quelle: sueddeutsche.de)

Wenn es ein Thema gab, das die literarische Welt 2013 über zahlreiche Monate hinweg in Atem gehalten hat, dann war es der unsägliche Streit um den Suhrkamp Verlag, ausgetragen in der Hauptsache zwischen dem Gesellschafter Hans Barlach und Ulla Unseld-Berkéwicz, der Witwe des 2002 verstorbenen Verlagsleiters Siegfried Unseld.

Mit dem Gläubigerentscheid für den angestrebten Insolvenzplan könnte der Verlag in naher Zukunft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, was eine Entmachtung Hans Barlachs zur Folge hätte. Die Anteilseigner hätten nach wie vor ein Recht zur Beteiligung am Verlag, könnten dessen Geschicke allerdings nicht mehr direkt kontrollieren, da sie einem eigens eingesetzten Vorstand Rechenschaft schuldig wären. Daher sieht es momentan nach einem durchaus glücklichen Ende der Streitigkeiten aus, zumindest die Handlungsfähigkeit eines der traditionsreichsten Verlagshäuser scheint vorerst gesichert.

E-Books auf einem zaghaften Vormarsch

Es ist kein Geheimnis, dass der E-Book-Markt vor allem in Deutschland zunächst nur schleppend in Gang kam. 2013 zeichnete sich hier jedoch ein Trendwechsel ab. Einem Bericht des eBusinesslotsen zufolge liegt das vor allem an einer veränderten Einstellung E-Books gegenüber: Bei vielen Lesern sei die digitale Form der Literatur inzwischen sehr viel beliebter geworden, lediglich 40 Prozent der im Rahmen einer Studie des Deutschen Buchhandels Befragten wollen auch in Zukunft ausschließlich gedruckte Bücher lesen.

Das erste wirklich erfolgreiche E-Book in Deutschland war Fifty Shades Of Grey aus der Feder E. L. James, dessen Verkäufe zu 50 Prozent über die digitale Ladentheke gingen. Dies mag mit einem Schamgefühl gegenüber dem vermeintlich anstößigen Inhalt begründet werden können, fest steht jedoch, dass der digitale Büchermarkt ein nicht zu unterschätzendes wirtschaftliches Potential besitzt. Wie es mit den künstlerischen Möglichkeiten aussieht, mögen die kommenden Jahre zeigen. Auch bin ich der Meinung, dass der herkömmliche Druck weiterhin Bestand haben wird: Wie bitte sollte beispielsweise Zettel’s Traum als digitale Ausgabe über einen Reader lesbar gemacht werden?

Meine persönliche Bestenliste 2013

Bestenliste 2013

Bestenliste 2013 (Quelle: mountainbike-magazin.de)

Da ein literarischer Rückblick ohne tatsächliche Lektüre unvollständig wäre, möchte ich noch kurz ein paar Worte zu meinen drei Lieblingsbüchern des ausklingenden Jahres verlieren. Persönlich ist diese Aufzählung auch deshalb, weil keines der Werke 2013 erschienen ist. Ich habe sie lediglich in den vergangenen zwölf Monaten gelesen:

  • Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasoff, weil es dem russischen Autor gelungen ist, eine ebenso komplexe wie spannende Handlung mit absolut glaubwürdigen Figuren zu erzählen. Trotz der epischen Länge des Textes verliert der Leser niemals den Überblick.
  • Philip Roth: Exit Ghost, weil ich nach der Lektüre der Demütigung eigentlich überhaupt nichts mehr von dem Autor lesen wollte. Was wäre mir entgangen! Eine meisterhafte Erzählung von einer sprachlichen Direktheit, die man viel zu selten in der Literatur antrifft.
  • Henry Miller: Wendekreis des Krebses, weil dieser Roman meine erste Begegnung mit einem Schriftsteller war, dessen Werk mich zeitweise nicht mehr losgelassen hat. Die sexuelle Sensation wurde inzwischen von der Gegenwart eingeholt, nicht aber die Virtuosität, mit der Miller das Leben abfeiert. In seinem Kosmos gibt es alles: Das Niedrige, Hohe, Direkte, Reflektierte. Und das Beste daran: Es steht vollkommen unverbunden nebeneinander.

Ausblick 2014

Silvester 2014

Silvester 2014 (Quelle: eurener-hof.de)

Sie sehen: Es war ein oft lustiges, manchmal trauriges, aber jederzeit spannendes literarisches Jahr 2013 und – so weit wage ich mich an dieser Stelle mal aus dem Fenster – es wird mit Sicherheit auch im kommenden Jahr nicht langweilig. Gewinnt Philip Roth endlich den Literaturnobelpreis? Wie sieht die Zukunft des Suhrkamp Verlags aus? Werden die E-Books auf lange Sicht dem herkömmlichen Druck den Rang ablaufen? Wie auch immer die Antworten aussehen mögen, eines ist sicher: Literatur ist ein nach wie vor quicklebendiges und höchstrelevantes Spielfeld kultureller Produktivität. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen guten Rutsch ins neue Jahr und viele bereichernde Leseerfahrungen!