Karl Ove Knausgård: Lieben

Lieben ist der zweite Roman aus Karl Ove Knausgårds autobiographisch gefärbtem Zyklus, der im norwegischen Original den gerade für uns Deutsche etwas unglücklich gewählten Titel Min Kamp trägt. War Sterben in der Hauptsache eine Auseinandersetzung mit dem Vater, geht es in Lieben um die Familie des Schriftstellers und seine Zerrissenheit zwischen Berufung und alltäglichen Verpflichtungen.

Die Banalität des Alltags

Im letzten Drittel des Buches schreibt Knausgård über das Gefühl des Selbstbetrugs im Anschluss an Interviews:

Sagte ich nichts Wichtiges, tja, dann verbarg ich es nur. Denn irgendwo musste es ja sein. Wenn ich also beispielsweise etwas aus meiner Kindheit erzählte, irgendetwas völlig Alltägliches und Ordinäres, was jeder schon einmal erlebt hatte, wurde es wichtig, weil ich es gesagt hatte.

Diese Sätze sind programmatisch, weil sie die Kritik aufzugreifen scheinen, der sich Knausgårds Bücher immer wieder ausgesetzt sehen: Warum verfallen die Leute reihenweise einem Schriftsteller, der über unzählige Seiten hinweg seinen Alltag beschreibt? Einen Alltag überdies, der sich im Spannungsfeld zwischen Berufstätigkeit und Familienleben kaum vom Alltag des Leser unterscheiden dürfte?

Auf der Suche nach der verlorenen Wahrheit

Meine Antwort darauf mag recht einfach erscheinen: Weil ich als Leser bei Knausgård immer wieder das Gefühl habe, einer tiefempfindbaren Wahrheit ins Auge zu sehen. Diese Wahrheit begegnet einem in den alltäglichen und von echter Liebe zeugenden Beschreibungen der drei Kinder Vanja, Heidi und John, sie begegnet einem aber auch in Absätzen wie diesem:

Für mich war es [die Veröffentlichung des ersten Romans, W.S.] das Größte, was mir je passiert war, ich war von der Neuigkeit fast betäubt und rechnete damit, dass es allen in meinem Umfeld genauso gehen würde.
So war es natürlich nicht.
Außerdem ist es niemals leicht, dem Großen zu begegnen, vor allem dann nicht, wenn man tief im Trivialen und Alltäglichen steckt, was man ja immer tut.

Jeden, der ein großes Projekt in seinem Leben abgeschlossen hat, werden diese Zeilen bis ins Mark treffen. Die damit einhergehenden Gefühle in die passenden Worte kleiden zu können, ist eine Kunst, die wenige so treffsicher beherrschen wie Knausgård.

Der Vorgänger bleibt für Lieben unerreichbar

Trotz der Beleuchtung eines anderen Lebensabschnitts entfaltet sich der Charakter von Lieben ebenfalls in der Verzahnung alltäglicher Begebenheiten und (oft künstlerischer) Reflexion. Dass der zweite Roman dennoch nicht an den ersten heranreicht, liegt zum einen am überragenden Einstieg des Vorgängers, es liegt aber zum anderen in der Gleichförmigkeit des Nachfolgers. Insbesondere das letzte Drittel von Sterben war emotional überwältigend, während in Lieben trotz der schweren Krankheit von Knausgårds Frau Linda die leisen Töne regieren und sich bisweilen gar Raum für gepflegte Langeweile öffnet. Das muss nicht zwingend schlecht sein, es hat aber zur Folge, dass das Buch weniger eindrücklich im Gedächtnis bleibt als der Vorgänger.

Dessen ungeachtet ist auch Lieben ein lesenswerter Roman voller Wahrheit und Beobachtungsreichtum.

Lieben
Published by: btb-Verlag
Edition: 11. Auflage
ISBN: 978-3-442-74685-9
Available in: Paperback