Der Walfischfänger 'Pinguin' zerstört das Boot von Pym und August

Der Walfischfänger ‚Pinguin‘ zerstört das Boot von Pym und August (Quelle: en.wikipedia.org)

Der Bericht des Arthur Gordon Pym aus Nantucket ist der einzige Roman Edgar Allan Poes und gilt gemeinhin als eines der rätselhaftesten Werke des Schriftstellers. Zurückführen lässt sich dies zum einen auf die zwischen Realismus und Phantastik oszillierende Handlung und zum anderen auf die spezifische Erzählweise, die eine biographische Deutung zumindest suggeriert. Dies macht den Text zu einer durchweg faszinierenden Lektüre, die auch heute, rund 175 Jahre nach der Publikation, nichts von ihrer Wirkung verloren hat.  

Arthur Gordon Pym und Edgar Allan Poe

Eingebettet ist die eigentliche – wenn man möchte – metadiegetische Handlung in einen intradiegetischen Rahmen, der die Textgenese und die damit verbundenen Schwierigkeiten expliziert, der jedoch seinerseits einen fiktionalen Status hat. Die so genannten ‚Vorbemerkungen‘ stammen aus der Feder der titelgebenden Figur Pym, einem Abenteurer und Seefahrer, der berichtet, dass seine durchweg ungewöhnliche Lebensgeschichte vor allem bei einem gewissen E. A. Poe auf reges Interesse gestoßen sei. Poe hätte ihn in der Folge zu einer Niederschrift seiner Erzählungen überreden wollen und hätte schließlich selbst die Initiative ergriffen, um zumindest Passagen des Textes zu verfassen. Pym selbst lässt offen, welche Teile von ihm und welche von Poe stammen, denn

jeder wird den Unterschied im Stil leicht bemerken.

Ungeachtet der Übersetzung kann ich nach abgeschlossener Lektüre behaupten: Mitnichten! Die Schreibweisen Pyms und Poes ähneln einander bis zu Ununterscheidbarkeit.

Wir sehen uns demnach mit einer mehr als dubiosen Ausgangslage konfrontiert: Auf der einen Seite steht ein Erzähler, der den Text als (Auto-)Biographie ausweist, indem er behauptet, all die geschilderten Begebenheiten seien ihm tatsächlich zugestoßen. Auf der anderen Seite aber wälzt dieser Erzähler zugleich einen Teil der Autorschaftslast auf einen anderen Verfasser ab, der nunmehr sowohl als Figur in der Erzählung als auch – auf diegetischer Ebene – als Schöpfer dieser Figur zu gelten hat und dabei dem gleichen Stil folgt wie Pym selbst. Wer jetzt noch nicht raus ist, den bitte ich, kurz das Augenmerk auf die Silbenmelodie der Namen zu legen. Die Ähnlichkeit zwischen Arthur Gordon Pym und Edgar Allan Poe ist kaum zufällig, ebensowenig wie die Tatsache, dass die Seefahrt nicht nur Pyms, sondern auch des realen Poe Leidenschaft gewesen ist. Handelt es sich demnach beim Bericht des Arthur Gordon Pym um eine chiffrierte Autobiographie? Die Frage kann hier nicht abschließend behandelt werden, sie konfrontiert den geneigten Leser dennoch schon vor Beginn der eigentlichen Handlung mit einem Deutungsangebot, das – zieht man die geistesgeschichtlich etablierte Trennung zwischen Autor und Erzähler hinzu –  gleichwohl mit Vorsicht zu genießen ist.

Pyms Reise in den Wahnsinn

Der Roman erzählt nicht die gesamte Lebensgeschichte Pyms, sondern eine Etappe, die mit einer nächtlich-berauschten Ausfahrt auf einem kleinen Segelboot beginnt und am Südpol im Angesicht eines ‚weißen Riesen‘ jäh abbricht, da der Erzähler – nun wieder auf intradiegetischer Ebene – verstirbt, ohne seinen Bericht zu Ende bringen zu können.

Der erste Teil des Buches ist eine Abenteuergeschichte: Der junge Pym möchte unbedingt zur See fahren und begibt sich in unerwarteter Begleitung seines Hundes Tiger als blinder Passagier auf den ‚Grampus‘, einen Zweimaster, der unter der Führung des Vaters von Pyms bestem Freund August auf Walfang ausfährt. Im Zwischendeck versteckt und auf spärliche Nahrungslieferungen seines Kameraden angewiesen, wird er Zeuge einer Meuterei, aus der nach einem dramatischen Schiffbruch letztlich nur er selbst und Dirk Peters, ein Halbindianer mit beeindruckender Physis, lebend herauskommen. Sie werden von dem Robbenjäger ‚Jane Guy‘ aufgenommen, der die südlichen Regionen ansteuert, um dort mit seiner Beute Tauschhandel zu treiben.

Freunde Yann Martels und seines Romans Schiffbruch mit Tiger werden hier sicherlich sofort hellhörig: Ein junger Mann gerät mit seinem Hund Tiger in Seenot und an Bord befindet sich überdies ein Matrose namens Richard Parker, der letztlich im Moment höchster Hungersnot von seinen Mitreisenden verspeist wird. In beiden Werken geht es auch um die Frage, was wahr und was erfunden ist und welchen Status Realität und Dichtung im Angesicht potentiell tödlicher Gefahr überhaupt haben können. Sicher ist: Martel hat sich stark am Pym orientiert.

Die Irrfahrt der ‚Jane Guy‘

Im Anschluss an die eher realistische Schilderung der Ereignisse auf dem ‚Grampus‘ bekommt der Roman nach der Rettung auf die ‚Jane Guy‘ eine deutlich phantastische Färbung. Nachdem die Besatzung des Schiffes eine ganze Weile lang recht erfolglos durch die Weltgeschichte gesegelt ist, erreicht sie auf ihrem Weg zum Südpol eine Inselgruppe mitsamt der obligatorischen Eingeborenen; was nun folgt, ist ein traumhafter Spielplatz für Anhänger der postkolonialen Theorie. Selbstverständlich sind die Wilden durch und durch böse und selbstverständlich gelingt es ihnen, nahezu die gesamte Crew der ‚Jane Guy‘ mit einem arglistigen Täuschungsmanöver zu überrumpeln und zu töten. Edward Said hätte seine helle Freude an den Geschehnissen auf der Insel ‚Tsalal‘ gehabt.

Die Flucht von diesem Eiland führt Pym und seine Begleiter weiter nach Süden in Richtung der geographischen Antarktis. Je näher sie dieser Grenze jedoch kommen, desto phantastischer wird das Geschehen, denn es wird immer wärmer:

Als wir mit der ‚Jane Guy‘ von Norden herunterkamen, hatten wir die härteste Eisregion schon durchquert. Die Tatsache steht zwar in direktem Widerspruch zu der Vorstellung, die man im allgemeinen von dem südlichen Polarmeer hat, doch ließ es sich nicht wegleugnen.

Schließlich wird das Wasser so heiß, dass es nicht einmal mehr möglich scheint, die Füße hineinzuhalten. Es nimmt überdies eine milchige Farbe an, während eine dichte Nebelwand – von Pym mit einem Katarakt verglichen – jegliche gezielte Navigation unmöglich macht. Innerhalb dieses Katarakts werden die Seefahrer nun Zeuge einer Begegnung mit einem überlebensgroßen Mann, dessen Haut weiß wie Schnee ist.

Was im Anschluss geschieht, bleibt unklar, denn – es wurde eingangs erwähnt – der Bericht bricht aufgrund des pymschen Todes ab. Die Begegnung hat er jedenfalls überlebt, da es ihm ansonsten kaum möglich gewesen wäre, seine Abenteuer niederzuschreiben.

Das Delirium als strukturierendes Element

In verschiedenen Besprechungen ist vollkommen zurecht erwähnt worden, dass Pyms Erzählung nicht durch zeitliche Koordinaten strukturiert wird, sondern vielmehr durch eine Aufeinanderfolge immer größerer Katastrophen. Er selbst geht aus jedem Schrecknis gestärkt hervor, da bei ihm durch fortschreitende Erfahrung ein Gewöhnungseffekt einsetzt, der ihm auch im Angesicht des ‚weißen Mannes‘ eine genaue Beschreibung erlaubt.

Gerade diese exakten Beobachtungen müssen vom aufmerksamen Leser jedoch in ihrer Zuverlässigkeit fast zwangsläufig infrage gestellt werden, denn parallel zur Katastrophe als strukturierendes Element auf Ebene der Handlung läuft das Delirium als strukturierendes Element auf Ebene der Figurenbefindlichkeit. Schon im Zwischendeck des ‚Grampus‘, noch vor (!) der Entdeckung der Meuterei, heißt es:

Ich habe schon erwähnt, daß eine kurze Zeit vorher mein Verstand bis fast zur Blödsinnigkeit schwach geworden war. Dann traten allerdings Zwischenzeiten ein, in denen er wieder vollständig gesund, ja, stark und energisch arbeitete, doch waren sie sehr selten. Man muß sich erinnern, daß ich seit gewiß sieben Tagen die verpestete Atmosphäre in einem kleinen Loch im Kielraume eines Walfischfängers einatmete und während der ganzen Zeit nur sehr knappe Rationen Wasser zu mir genommen hatte. […] Augenblicklich hatte ich hohes Fieber und befand mich äußerst schlecht.

Der Detailverliebtheit der Beschreibungen tun Fiber und Dehydrierung jedoch keinen Abbruch. Die Frage, inwieweit Pym als Erzähler auch auf mimetischer Ebene unzuverlässig ist, erscheint demnach durchaus berechtigt. Pyms Reise ist daher nicht nur eine Reise an die Grenzen der bekannten Welt, sie ist auch eine Reise an die Grenzen des Wahnsinns und bisweilen darüber hinaus.

Und warum soll ich das jetzt lesen?

Die Frage, warum ich den Bericht des Arthur Gordon Pym unbedingt zur Lektüre empfehle, ist durch die Ausführungen prinzipiell bereits beantwortet: Der Roman fordert auf vielen Ebenen zur Interpretation auf und er stellt auch bei wiederholter Lektüre noch neue Fragen, die nicht nur für Narratologen interessant sind. Ungeachtet aller Deutungsangebote funktioniert er darüber hinaus auch wunderbar als Abenteuer- und Gruselgeschichte und nimmt auf faszinierende Weise vorweg, was Lovecraft, King und Co. in späteren Jahren weitertreiben sollten. Wer sich demnach auf das Universum Edgar Allan Poes einlassen will, der sollte mit dem Bericht des Arthur Gordon Pym beginnen.