Ann Cotten: Verbannt!

Dass auch die flachen Böden süße Möhren bergen,

ist allen Möhrenfreunden wohlbekannt.

Dennoch kanns sein, dass meine Strophen stören werden

Den wohlgeeichten literarischen Verstand.

 

Zwei Dinge stehen fest: Zum einen ist Verbannt! eine absolute Zumutung, zum anderen eine große Freude.

Verbannt! wird der Verstand aus Form und Inhalt

Eine Zumutung ist allein die Form: Komplett in Pseudo-Spenser-Strophen verfasst, überwiegend Neunzeilern mit mal mehr mal weniger festem Reimschema, fällt die Orientierung im Text schwer. Sie wird nicht eben erleichtert durch den Inhalt, dessen Ausgangspunkt die Verbannung einer Moderatorin auf eine einsame Insel namens Hegelland ist. Drei Dinge darf sie dorthin mitnehmen und sie entscheidet sich neben Messer und Schleifstein ausgerechnet für Meyers Konversationslexikon von 1910. Glaubt man Ann Cottens eigener Aussage, war ein Fund des einundzwanzigbändigen Werks im Müll der Auslöser für Verbannt!, das sich – ganz konsequent im Sinne seiner Arbeit an Form und Inhalt – als Versepos klassifiziert.

Die Wirklichkeit als Plattenteller

Ein Zufallsfund am buchstäblichen Bodensatz des Alltäglichen, der ein wahres Feuerwerk an Ideen, Assoziationen und originellen Metaphern auslöst: Die Genese des Werks nimmt ihren Inhalt vorweg, denn auch wenn man als Leser zwischenzeitlich zwangsweise den Faden verliert, tut das dem Spaß keinen Abbruch. In Verbannt! trifft Tradition – die ursprünglich in der Romantik beliebte Strophenform, das Epos – unverbunden auf Moderne, trifft das Erhabene auf das Triviale, verschiebt sich immer wieder der eben erst gefunden geglaubte Sinn. Oder in den Worten des lyrischen Ichs:

Ich scratche Wirklichkeit

Von der Leichtigkeit des Sinns

Hermes Wolpertinger

Hat jemand von Euch eine Ahnung, was ein Hermes Wolpertinger sein soll? Zumindest gut bestückt ist er.

Ich gebe zu: Bisweilen hat es mich geärgert, keine referentialisierbare Bedeutung in Verbannt! erkennen zu können, immer wieder die fein eingestreuten Anker der Denotation als Truggebilde entlarvt zu sehen. Vom einen oder anderen Sinnangebot hätte ich mir mehr Halt versprochen, denn Themen bietet der Text wahrlich en masse: Es geht ums Bierbrauen, darum, wie man auf einer einsamen Insel nicht den Verstand verliert und es geht immer wieder um Sex und die durchsexualisierte Gesellschaft. Nach Aussagen sucht man jedoch vergebens, die Zeilen bleiben vage und halten den Sinn so in der Schwebe. Genau das allerdings hat auch eine faszinierende Seite, denn bisweilen liest man Zeile um Zeile und berauscht sich an der puren Lust an Sprache und Assoziation. Vor ein paar Wochen habe ich bereits ein Zitat aus Verbannt! vorgestellt und jetzt – im Anschluss an die beendete Lektüre – lässt es sich umso mehr als Leseanleitung interpretieren:

Und in der Tat, warum sollte jemand das lesen?

Die Handlung – nach Inger Christensen – gibt es,

doch nur als Untergrund für dieses Reimewesen,

das die Handlung begleitet wie ein Striptease.

Und über weite dunkle Stellen wippt es,

unsicher, nur so rum und wartet auf den Plot,

der aber, wie im Lehnstuhl ein alter Lokalgott,

sich ziert, weil er noch ein bisschen mehr Striptease sehen

möchte, immer noch hoffend, dass die Hemmungen vergehen.

Ein grandioses Buch abseits jeglicher Konventionen ist Verbannt! geworden, aber auch eines, nach dessen Beendigung ich erleichtert war. Auf diesen Schreck musste ich erst einmal einen Stephen King-Roman lesen und auch wenn dessen Literatur sicherlich nicht die angenehmsten Parallelwelten entwirft, bietet sie doch zumindest eines: Einen geraden Sinn.

Verbannt!
In Pseudo-Spenser-Strophen verfasstes Werk über die Verbannung einer Moderatorin auf eine nur vermeintlich einsame Insel.
Published by: Suhrkamp Verlag
Edition: Erste Auflage
ISBN: 978-3-518-07143-4
Available in: Paperback