Siegfried Lenz ist tot. Mit ihm geht einer der wirkmächtigsten Schriftsteller der Gegenwart. Seine Werke werden unvergessen bleiben.

Siegfried Lenz mit Pfeife

Siegfried Lenz mit Pfeife (Quelle: wikipedia.de)

Es ist nicht Die Deutschstunde, die für mich untrennbar mit dem Namen Siegfried Lenz verbunden ist. Das Buch, das ich meine, erzählt die Geschichte eines Jungen, der nach dem Suizid seiner eigenen Verwandtschaft von der Familie eines väterlichen Freundes aufgenommen wird. Arne Hellmer heißt das Kind und es wirkt wie aus der Zeit gefallen: Mit dem Treiben seiner Altersgenossen kann es wenig anfangen, es ist hochgradig nervös, außerordentlich intelligent, dabei jedoch sozial und psychisch äußerst unsicher. Arnes Nachlass hat mir damals nicht gefallen. Der Text erschien mir kitschig: Alleine schon die Anrede in der zweiten Person, die Hans, Arnes Zimmergenosse in seiner Gastfamilie, wählt, um sich dem nunmehr Abwesenden rückblickend zu nähern, empfand ich nicht als zärtlich, sondern als verzärtelt. Das Buch ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich in den folgenden Jahren die Finger von Lenz gelassen habe.

In diesen Jahren konnte ich allerdings ein Phänomen beobachten, das für mich eine vollkommen neue Erfahrung darstellte: Wann immer ich dem Namen Siegfried Lenz begegnete, sah ich sofort nicht bloß Arnes Geschichte vor mir, sondern konnte förmlich den Geruch des Hamburger Hafens wahrnehmen, desjenigen Ortes, an dem der Ziehvater des Jungen eine Werft betreibt. Diese Gegenwärtigkeit ist bis heute geblieben, obwohl ich seither kaum einen Blick mehr in das Buch geworfen habe. Arne hat mich demnach trotz meines Widerstands genauso wenig losgelassen wie Hans und als ich am heutigen Tage vom Tode Siegfried Lenz erfuhr, hat er mich erschüttert. Zurück bleibt eine Stille, wie sie dem Ableben großer Persönlichkeiten immer folgt, eine Stille, die auch Hans und sein Bruder Lars am Ende des Romans zu spüren bekommen:

Keiner von uns nannte Arnes Namen, und doch wußte ich, daß wir beide ihn uns zurückwünschten, in der vollkommenen Stille, die uns jetzt umgab.