Sprachlich brillant und in seiner tragischen Komik äußerst unterhaltsam kommt Vor dem Fest daher, der zweite Roman Saša Stanišićs. Auch wenn es einem namhaften Kollegen lieber gewesen wäre, Stanišić hätte sich an seiner eigenen Biographie abgearbeitet, um besser ins Bild der Immigrantenliteratur (was immer das sein mag) zu passen, spielt der Text in der Uckermark, genauer: Im fiktiven Dorf Fürstenfelde, das gleichwohl an das real existierende Fürstenwerder angelehnt ist. Es ist die Nacht vor dem so genannten Annenfest, von dem niemand – auch das erzählende kollektive Wir nicht – weiß, was eigentlich genau gefeiert wird:

Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen. (30)

Die Handlung ist das Dorf

Womit auch die Handlung umrissen wäre, denn: Ein Plot im eigentlichen Sinne existiert nicht, Vor dem Fest ist vielmehr eine behutsame Collage aus Miniaturen über die Geschichte des Dorfes und seiner Bewohner, was den Roman gewissermaßen selbst als Zweck des Festes im Sinne des Zitats ausweist. Er feiert Fürstenfelde.

Da gibt es Wilfried Schramm, einen ehemaligen Oberstleutnant der NVA, der seinen Selbstmord erwägt, dann aber doch lieber mit einem Feldhäcksler namens Mammut 6800 einen Zigarettenautomaten überfährt, da ist Anna Kranz, eine uralte Malerin, die ihren Fencheltee am liebsten mit Rum versetzt trinkt. All diese Figuren mit Ausnahme vielleicht von Anna leben im Früher, das heißt: in der Vorwendezeit. Vor dem Fest ist nicht zuletzt eine Studie der Befindlichkeit der tiefsten ostdeutschen Provinz, die immer noch nicht so recht abgeschlossen hat mit der Wiedervereinigung und allem Fremden gegenüber erst einmal skeptisch eingestellt ist:

Frau Reiff ist aus Düsseldorf, und das ist natürlich sehr weit weg, geographisch, aber auch sonst: Sie ist keine von uns. Wir unterscheiden wohl zwischen Zugezogenen und Alteingesessenen. (238)

Apropos DDR

Wo die DDR literarisch thematisiert wird, ist auch Uwe Johnson nicht weit. Und tatsächlich: Fürstenfelde liegt in der Nähe von Fünfeichen, demjenigen sowjetischen Internierungslager, in dem auch Heinrich Cresspahl einsaß. Darüber hinaus hat Stanišić gleich seinem Kollegen eine Vorliebe für sprechende Namen: Frau Schwermuth, die Chronistin und mutmaßliche Geschichts(um)schreiberin Fürstenfeldes, leidet an Depressionen, der alte Imboden trägt seinen Namen wohl nicht zuletzt, weil er nach dem Tod seiner Frau dem Alkohol erliegt, jeden Abend bei Ulli in der Garage berauscht im Boden versinkt. Dass der Text – ebenso wie Johnsons Jahrestage – mit der Unverlässlichkeit der Erinnerung und Überlieferung spielt, zeigt die Umarbeitung des Märchens vom Ring des Kesselflickers, deren Korrekturen sogar handschriftlich ausgezeichnet sind.

Freilich ist der lockere Stil aus Vor dem Fest keineswegs demjenigen des pommerschen Dichters vergleichbar, dem immer wieder sprachlicher wie inhaltlicher Manierismus vorgeworfen wurde. Die Chronik Fürstenfeldes präsentiert sich als buntes Bild, in welchem geschichtliche Ereignisse, Sagen und Mythen unverbunden nebeneinanderstehen. Stanišić geht es nicht so sehr um Aufarbeitung, sondern um das Einfangen einer Befindlichkeit

Vor dem Fest ist nach dem Fest

Aus all diesen Versatzstücken entsteht ein faszinierender Text, der mal lustig, mal traurig, mal mythisch, mal poetisch ist, der ebenso Gegenwart wie Vergangenheit und Zukunft atmet und sich gerade deshalb als zeitlos entpuppt. Gerne hätte ich den Figuren noch ein wenig weiter bei ihrem Treiben zugesehen. So bleibt mir nichts anderes übrig als eine erneute Lektüre und die Gewissheit, selten so gut unterhalten worden zu sein.