Richard Laymon: Die Insel

Die Insel erzählt vom Schiffbruch einer Gruppe von Menschen auf einem verlassenen Eiland der Bahamas. Als plötzlich einer nach dem anderen verschwindet und wenig später ermordet aufgefunden wird ist klar, dass der größte Feind der Urlauber nicht die drohende Lebensmittelknappheit ist. Warum auch dieser Roman Richard Laymons kurzweilig-trashige Unterhaltung bietet, erfahrt Ihr in der folgenden Rezension.

Katz und Maus im Paradies

Im Falle von Die Insel gilt, was ich bereits zur notwendigen Rezeptionshaltung in der Besprechung von In den finsteren Wäldern geschrieben habe: Wer sprachlichen Gestaltungsreichtum über den Inhalt stellt, sollte einen ebenso großen Bogen um das Buch machen wie jemand, dem es um glaubwürdige Figurenzeichnung geht. Das beherrschende Thema ist hier wie dort das Triebhafte der menschlichen Natur und die Verschiebung der Grenzen zwischen Normalität und Perversion. Illustriert wird das Ganze anhand des Ich-Erzählers Rupert, der Tagebuch über die Ereignisse seit dem Schiffbruch führt.

Der schmale Grat zwischen Vernunft und Wahnsinn

Ruperts Wandlung ist vergleichbar mit der Entwicklung Lander Dills und wenn man bedenkt, dass beide eine starke schriftstellerische Neigung verbindet, dann sagt das natürlich einiges über das zugrunde liegende Konzept von Autorschaft aus. Nur wer seiner animalischen Natur Raum zur Entfaltung gibt, findet schreibend/lebend zu sich selbst; wie pervertiert auch immer dieses Selbst aussehen mag. Es ist dieser Blick in die Abgründe der menschlichen Seele, dieser schmale Grat zwischen Vernunft und Wahnsinn, dem Die Insel seinen Schrecken verdankt.

Die Insel und die Zensur

Konsequenterweise ist es auch genau dieser Schrecken, dem seit 2008 in allen deutschen Ausgaben die letzte Schärfe fehlt, denn das Buch ist seither nur in einer zensierten Übersetzung zu haben. Welche Fassung die eigene Bibliothek bereichert, ist mit einem Blick auf die letzte Seite festzustellen, denn die unzensierte Version endet mit folgenden Worten:

Vielleicht sind sie ja wirklich unter der Matratze, so wie Wesley gesagt hat.

 

Man wird sehen.

Über den Sinn oder Unsinn eines solchen Eingriffs könnte man ausschweifend diskutieren und wer sich für die Debatte interessiert, findet in diesem Literaturforum eine Reihe von Beiträgen zum Thema. Dessen ungeachtet dürfte Die Insel alle Freunde härterer literarischer Kost zufriedenstellen. Trotz der teilweise unglaubwürdigen Figuren ist Laymon ein spannender, unangenehmer und packender Roman gelungen.