Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb

Was vom Tage übrig blieb erzählt die Geschichte des betagten Butlers Stevens, der auf Darlington Hall lebt und arbeitet. Nach dem Tod seines langjährigen Herrn Lord Darlington unternimmt er eine mehrtägige Reise durch England. Ziel seiner Fahrt ist Cornwall, wo er seine ehemalige Kollegin Miss Kenton treffen möchte, um sie zu einer Rückkehr nach Darlington Hall zu ermuntern. Anders als geplant löst der Ausbruch aus der vertrauten Umwelt in Stevens eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Vergangenheit aus, die eklatante persönliche und politische Verfehlungen zutage fördert.

Objektivität und Wahrheit

Als Leser ist man es gewohnt, die Aussagen eines Erzählers über die erzählte Welt für wahr zu halten. Das macht sich Kazuo Ishiguro in Was vom Tage übrig blieb auf subtile Weise zunutze, indem er Stevens über sein eigenes Leben berichten lässt, dessen Aussagen jedoch nach und nach in Zweifel zieht. So entpuppt sich Lord Darlington mitnichten als der Wohltäter, als der er von seinem Butler eingeführt wird und von der vielfach gelobten Butlerwürde bleibt am Ende nicht viel mehr als ein verfehltes Arbeitsethos.

Ganz besonders bitter zeigt sich letzteres im Umgang mit dem Todeskampf des Vaters. Anstatt die letzten Minuten mit Stevens senior zu verbringen, verrichtet der Butler Dienst bei einem Treffen Lord Darlingtons mit den Sympathisanten für eine Lockerung des Versailler Vertrags. Im Nachhinein reflektiert er diesen Abend gar als „Wendepunkt“ und empfindet „ein deutliches Gefühl des Triumphes.“ Spätestens ab dieser Stelle tut der Leser gut daran, Stevens Aussagen zu hinterfragen.

Das Leben als Verfehlung

Stevens narrative Unzuverlässigkeit entspringt dabei bis auf wenige Ausnahmen keiner bewussten Täuschungsabsicht. Die Butlerwürde, auf die er sich rechtfertigend beruft, dient ihm als emotionaler Panzer. Der erlaubt es ihm nicht bloß, einem zweifelhaften Charakter zu dienen, sondern auch, Miss Kentons Annäherungsversuche abzuweisen. Dass ausgerechnet sie es ist, die ihn fragt, warum er sich immer so verstellen müsse, verwundert daher nicht: Es ist die entscheidende Frage seines Lebens. Dieses erscheint somit als doppelte Verfehlung: Politisch, indem er mithilft, den Nazis den Weg an die Macht zu ebnen; persönlich, indem er sein potentielles Glück mit Miss Kenton seiner Butlerwürde opfert.

Die große Stärke Ishiguros ist es, diesem ungeheuren Charakter mit all seiner untilgbaren Schuld seine Menschlichkeit zu lassen und ihm am Ende sogar etwas wie leise Hoffnung zuzugestehen. So funktioniert Was vom Tage übrig blieb auf verschiedenen Ebenen: Als tragische Liebesgeschichte, als historisch sensible und ungewöhnlich perspektivierte Auseinandersetzung mit dem Aufstieg von Nazideutschland, als Versuch über Wahrnehmung und Objektivität. Dieser Roman ist purer literarischer Hochgenuss.

Was vom Tage übrig blieb
Published by: Wilhelm Heyne Verlag
Edition: 4. Auflage
ISBN: 978-3-453-42160-8
Available in: Paperback