Marcel Proust: Unterwegs zu Swann

Wie nähert man sich einem Buch, das wie ein Monolith aus der Geschichte der Weltliteratur herausragt? Einem Buch mithin, dessen beinahe sakraler Status einem zuzuflüstern scheint: Versuche es gar nicht erst, an mir sind ganz andere geistige Kaliber gescheitert, Du wirst mich nicht begreifen? Ganz einfach: Lesend. Nur gelesene Literatur ist lebendige Literatur, auch Marcel Proust hat für und nicht gegen seine Leserschaft geschrieben. Und tatsächlich: Schon nach den ersten Seiten von Unterwegs zu Swann stellt man fest, dass falsche Ehrfurcht fehl am Platze ist. Was man für den wunderbaren Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in erster Linie braucht, ist Zeit selbst.

Die sinnstiftende Kraft der Erinnerung

Unterwegs zu Swann handelt – möchte man das komplexe Themengefüge auf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringen – von der sinnstiftenden Kraft der Erinnerung. Die berühmte Madeleine-Episode, die die Wissenschaft ähnlich fesselt wie Franz Kafkas Türhüter-Parabel aus dem Proceß-Roman, verdankt ihren Status nicht zuletzt ihrer Ikonizität in diesem Sinne:

In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog.

Es ist dieses sensorische Erlebnis, das im Erzähler einen unwillkürlichen Strom der Erinnerung an die vergangene Zeit in Combray auslöst und dem Text einen neuen Raum eröffnet. Dort, an diesem Ort, trifft Marcel zum ersten Mal auf seine spätere Liebe Gilberte, die Tochter Swanns, eine Begegnung, die ihrerseits in die Erzählung von der Liebe ihres Vaters zu Odette de Crécy mündet und damit einen weiteren narrativen Raum erschließt. Dieses kompositorische Prinzip ist vor allem deshalb faszinierend, weil es sich vollkommen natürlich entwickelt, es hat trotz seiner komplexen Anlage nichts Gekünsteltes.

Eine Liebe Swanns

Man greift jedoch zu kurz, reduziert man Unterwegs zu Swann auf die Schlüsselszene aus Tee und Gebäck. Ganz besonders einprägsam ist auch der zweite Teil, ‚Eine Liebe Swanns‘. Abseits aller Tragik der Romanze zwischen dem Bohemien und der Kokotte ist der Abschnitt eine unglaublich komische Satire auf die bürgerliche Kleingeistigkeit. Diese Satire hat nichts von ihren Spitzen eingebüßt, denn jeder zeitgenössische Leser wird Leute wie die Verdurins kennen, bei denen sich Swann und Odette begegnen: Vollkommen selbstsicher in ihren beschränkten Ansichten über Kunst, Kultur und das gesellschaftliche Leben, dabei aber auf größtmögliche Abgrenzung denjenigen vermeintlich langweiligen Kreisen gegenüber erpicht, die für sie in der Regel unerreichbar bleiben.

Die zeitliche Dimension

Letztlich ist es auch die Zeit selbst, die auf mehreren Ebenen eine zentrale Rolle spielt. Auf Ebene der Handlung ist dies offensichtlich, auf Ebene der Rezeption ist Zeit die Währung des Lesers. Proust beobachtet minutiös, in einer Detailverliebtheit, die so gar nicht in unsere Zeit passen will, weil heute eigentlich niemand mehr für etwas Zeit hat. Wie Martina Kopf in einem Artikel zum 100-jährigen Jubiläum von Unterwegs zu Swann sehr schön herausarbeitet, zieht der Roman aus seiner Fokussierung aufs Detail einen nicht unerheblichen Teil seiner Einzigartigkeit. Gerade in unserer Zeit, die geprägt ist von der alles verschlingenden Sehnsucht nach schnellen, einfachen Lösungen, haben Langsamkeit und kontemplative Betrachtung neben der poetischen eine politische Dimension. Auch wenn mir persönlich Prousts Metaphern an der einen oder anderen Stelle zu penetrant und ausladend sind, ist sein Gespür selbst für die feinsten menschlichen Regungen ungemein beeindruckend, ist sein wunderbarer Stil unnachahmlich.

Unzweifelhaft gehört Auf der Suche nach der verlorenen Zeit zu denjenigen Werken, die jeder kennt und kaum einer liest. Das ist schade, denn schon Unterwegs zu Swann belohnt die durchaus fordernde Lektüre auf mehr Ebenen, als sich in einer Rezension erfassen ließen. Daher sei es ohne Ausnahme jedem Literaturinteressierten wärmstens empfohlen. Es gehört zu den wenigen Büchern, die ich häufiger gelesen habe und jedes Mal neu entdecken konnte.

Unterwegs zu Swann
Published by: Suhrkamp Verlag
Edition: Erste Auflage
ISBN: 978-3-518-06175-6
Available in: Hardcover