Daniel Kehlmann: Tyll

Ist weit mehr als eine moderne Variante des „Simplicissimus“: „Tyll“ von Daniel Kehlmann

Literaturhistorisch war der Dreißigjährige Krieg bislang besetztes Terrain. Zu übermächtig erschien der Einfluss des Simplicissimus. Dass Daniel Kehlmann seinen Tyll in diese Zeit verlegt, zeugt von Selbstbewusstsein. Für uns Leser ist das Buch ein außergewöhnlich großes Glück.

Von einem Narren, der kein Schelm ist

Anders als man vermuten könnte, ist Tyll kein Schelmenroman. Sicherlich, die Geschichte um Tyll Ulenspiegel ist die Geschichte eines überraschend grausamen Narren. Er selbst ist – anders als sein sozialistischer Kollege Peter Holtz – jedoch bei Weitem kein Naivling, der der Künstlichkeit der Welt seine eigene Natürlichkeit entgegensetzt. In all seiner Derbheit und Vulgarität entspricht er durchaus dem damaligen Zeitgeist, wie Kehlmann selbst in ‚Druckfrisch‘ betont. Auch taucht er eher am Rande auf und verbindet die einzelnen Episoden locker miteinander, was dazu führt, dass sich seine Lebensgeschichte erst nach und nach offenbart.

Kunst ist Arbeit

Aus dieser Struktur webt Kehlmann einen der unterhaltsamsten Texte, die mir je untergekommen sind. Das liegt neben der sprachlichen Brillanz daran, dass Tyll nahezu perfekt komponiert und akribisch recherchiert ist. Ulenspiegel und Kehlmann gleichen sich, indem sie beide schwierigste Kunststücke denkbar leichtfüßig erscheinen lassen. Bei dem einen ist es der Seiltanz, bei dem anderen das Schreiben. Und auch wenn wir lediglich Tyll beim endlosen Üben beobachten können, ist davon auszugehen, dass Kehlmanns Kunst bei allem Talent ebenfalls harte Übung vorangegangen ist.

Das zeigt sich vielleicht am deutlichsten an der thematischen Vielfalt, die dafür sorgt, dass der Roman auf ganz verschiedenen Ebenen herausragend funktioniert.

Zunächst ist er natürlich eine unverschämt unterhaltsame und spannende Abenteuergeschichte, inklusive Hexen, Drachen und Alchemie.

Gleichzeitig ist er in seiner lapidaren Grausamkeit auch ein historisches Panorama des Dreißigjährigen Krieges. Der weit überwiegende Anteil der Figuren scheidet auf unnatürliche Weise aus dem Leben. Kaum ein Gedanke beschreibt die alltägliche Todesnähe der Zeit besser als derjenige, der Elisabeth Stuart anlässlich des Ablebens ihres ersten Sohnes durch den Kopf geht:

Mit fünfzehn Jahren ertrank er unter einem gekenterten Fährschiff. Ihr waren schon vorher Kinder gestorben, aber noch keines so spät. Wenn sie klein waren, erwartete man es fast täglich, aber an dieses hatte sie sich fünfzehn Jahre lang gewöhnt

Nicht zuletzt zeichnet Tyll auch ein akkurates Bild der Gesellschaft des 17. Jahrhunderts, einer Gesellschaft, in der (Aber)Glaube und Wissenschaft koexistierten, in der sich weltliche Forschung jedoch stets dem Verdacht auf Häresie ausgesetzt sah. Als Beispiel dafür mag der Konflikt zwischen Tylls Vater und dem Jesuiten Athanasius Kircher dienen. Kircher, eine der vielen historisch verbürgten Figuren des Romans, verurteilt den alten Ulenspiegel als Hexer, widmet sich jedoch mit befremdlichem Ernst der Drakontologie, der Lehre vom Wesen der Drachen. Überhaupt kommt er nicht gut weg in Kehlmanns Roman. Auf die Frage, welche Fragen sein neuestes Buch beantworten würde, entgegnet er:

Alle.

Tyll ist eines der wenigen Bücher, die mich meine Umwelt vollkommen haben vergessen lassen, ein intelligenter, lustiger, trauriger und lehrreicher Schmöker im besten Sinne des Wortes. Niemand, der des Lesens mächtig ist, sollte sich diese sprachtrunkene, prallgefüllte Wundertüte entgehen lassen.

Tyll
Published by: Rowohlt Verlag GmbH
Edition: 4. Auflage
ISBN: 978-3-498-03567-9
Available in: Hardcover