Pierce Brown: Red Rising - Tag der Entscheidung

Mit Red Rising: Tag der Entscheidung schließt Pierce Brown seine fulminante Science-Fiction-Trilogie ab und treibt die Gigantomanie auf die Spitze, denn es geht um nichts Geringeres als um die Herrschaft über das gesamte Universum. Trotz epischer Raumschlachten und brutaler Zweikämpfe gerät der dritte Band zum politisch aktuellsten der Reihe.

Von gefallenen Helden und Aasfressern

Darrow von Lykos ist wieder ganz unten angekommen. Nach seinem kometenhaften Aufstieg in Red Rising und seinem tiefen Fall in Im Haus der Feinde beginnt der dritte Band der Dystopie im Gefängnis des Schakals, Adrius au Augustus. Dieser hat sich mit dem Oberhaupt der Weltengesellschaft verbündet und bekämpft die von Darrow ausgelöste Rebellion mit aller Konsequenz und Härte. Ganz dem Aasfresser verbunden, dessen Namen er trägt, nährt er seine Macht an Darrows Fall und inszeniert medienwirksam dessen gefälschte Hinrichtung, um den Widerstand zu brechen.

Die Schwierigkeit des Abschieds

Es ist erstaunlich, mit welcher Konsequenz Pierce Brown die Geschichte zu Ende erzählt, ohne dabei Tempo und Stringenz zu opfern. Im Nachwort zum Roman reflektiert er den Anspruch des Projektes:

„Ich hatte nicht Angst davor, weil ich nicht gewusst hätte, wohin es gehen würde. Ich hatte Angst, weil ich genau wusste, wie die Geschichte enden sollte. Ich zweifelte daran, ob ich geschickt genug war, sie dorthin zu führen.“

Um es kurz zu machen: Brown war geschickt genug. Tag der Entscheidung ist der würdige Abschluss einer Romanreihe, die aufgrund ihres allzu sorglosen Umgangs mit der Erzählperspektive irritiert, die aber so ungemein fesselnd und brillant geschrieben ist, dass es schwerfällt, nicht darüber hinwegzulesen. Auch im dritten Teil lebt die packende Geschichte von ihren überraschenden Wendungen, auch hier funktionieren diese Wendungen zumindest anteilig nur deshalb, weil Darrow dem Leser trotz Ich-Perspektive in Schlüsselszenen Informationen vorenthält. Das ist und bleibt ärgerlich, weil es den Rezipienten für dumm verkauft. Doch obwohl die entscheidende Peripetie im Finale ebenfalls auf einem dieser narrativen Tricks basiert, ist die Auflösung derart perfekt komponiert und stimmig, dass man sich am Ende mit leichter Wehmut von den Figuren verabschiedet.

Die Seelenlosigkeit des Mobs

Die Red Rising-Trilogie hat eine ausgeprägte politische Dimension, Tag der Entscheidung ist jedoch noch näher am aktuellen Zeitgeschehen als seine Vorgänger. In einer der eindrucksvollsten Szenen verlangt Darrows Armee lautstark den Tod seines abtrünnigen Freundes Cassius. Sevro, Darrows engster Verbündeter, scheint diesem Wunsch zunächst entsprechen zu wollen, wenn er feststellt:

Er ist ein Mörder […]. Und was tun wir mit Mördern?

Nachdem er Cassius jedoch den Strick um den Hals gelegt hat, zählt er seine eigenen Verbrechen auf, die unweigerlich zum selben Urteil führen:

Auch ich bin ein Mörder! […] Und was tun wir mit Mördern?

Konsequenterweise liefert er sich selbst ebenfalls dem Strick aus und macht die Masse gerade dadurch darauf aufmerksam, dass es nicht Rache, nicht der Kampf gegeneinander ist, der zum Ziel führt, sondern der Kampf miteinander, gemeinsam für eine bessere Zukunft. Sowohl Sevro als auch Cassius werden gerettet. Darrows Kommentar zu dieser Szene lässt sich ohne Schwierigkeiten als Kritik am Populismus lesen:

Mobs sind seelenlose Wesen, die sich eigendynamisch von Furcht und Vorurteil ernähren.

Es waren diese Mobs, die das Jahr 2016 in ihrer Omnipräsenz nachhaltig geprägt haben. Red Rising: Tag der Entscheidung macht eindrucksvoll deutlich, dass sie die drängenden Probleme der Gegenwart nicht werden lösen können.

Bedeutungsreichtum und Unterhaltungswert

Es gäbe über die Trilogie noch viel zu schreiben: Über die mannigfaltigen (pop)kulturellen wie historischen Bezüge oder über die immer wieder aufgegriffene Frage nach der perfekten Staatsform. Interessant wäre auch eine Untersuchung des Lateinischen: So macht beispielsweise der Begriff ‚Pax‘ (lat. Frieden) eine erstaunliche Wandlung durch, bezeichnet er doch im ersten Band ausgerechnet einen Krieger, im zweiten ein Schlachtschiff und im dritten ein kleines Kind, das letztlich wirklich Hoffnung auf Frieden bringt. Die Behandlung dieser Dinge gebührt der Philologie. Dass Red Rising derartige interpretative Räume eröffnet, spricht indes für die literarische Qualität der Trilogie. Trotz kleiner Schwächen ist Tag der Entscheidung ein kluges, unverschämt unterhaltsames und sprachlich außergewöhnliches Buch. Es bleibt zu hoffen, dass dem Werk auch hierzulande der Erfolg beschieden wird, den es verdient.

Red Rising: Tag der Entscheidung
Published by: Wilhelm Heyne Verlag
Edition: 2. Auflage
ISBN: 978-3-453-53443-8
Available in: Paperback