Pierce Brown: Red Rising

Red Rising bildet den Auftakt einer Science-Fiction-Trilogie, die selbst in seriösen Feuilletons in den Status eines modernen Klassikers gehoben wird. Tatsächlich ist der erste Band trotz einiger erzählerischer Schwächen spannend und äußerst temporeich.

„Wir werden getäuscht“ – Zur Geschichte von Red Rising

Red Rising erzählt die Geschichte einer farbigen und doch nicht bunten Zukunft. Die Geburt bestimmt die gesellschaftliche Position. Was zählt, ist alleine die farblich organisierte Ordnung. Darrow ist ein Roter und fristet sein Dasein am unteren Ende der Hierarchie als Höllentaucher, der in den Tiefen des Mars nach Helium-3 bohrt. Dieser Rohstoff, so wird den Roten von den herrschenden Goldenen über alle Medien in endloser Repetition eingebläut, sei von zentraler Bedeutung für den Terraformingprozess, um den Mars dauerhaft bewohnbar zu machen.

Der erste Band der Red Rising-Trilogie markiert den Beginn einer Rebellion. Nachdem Darrows Frau Eo von den Goldenen wegen eines verbotenen Liedes hingerichtet wird, erfährt er, dass sein Leben auf einer Lüge basiert: Der Mars ist längst erschlossen, das Helium-3 wird von den Goldenen lediglich zur Sicherung ihrer Macht benötigt. Getrieben von Rache und dem Wunsch nach einer besseren Zukunft schließt sich Darrow den Söhnen des Ares an, einer vermeintlichen Terroristengruppe, die ihn biologisch modifiziert und zu einem Goldenen macht. Sein Ziel ist die Zerstörung des bestehenden Systems von innen heraus.

Kulturelle Einordnung und Originalität

Sicherlich erzählt Pierce Brown in Red Rising keine grundsätzlich neue Geschichte. Das Konzept einer Realität hinter der Realität blickt auf eine lange Tradition in Philosophie und (Pop-)Kultur zurück. Gleiches gilt für hardernde Messiasfiguren wie Darrow, die dank Frodo, Neo und Harry Potter zum zeitlosen kulturellen Allgemeingut gehören. Auch die für den ersten Band zentralen Geschehnisse am Institut, an dem sich die goldenen Eleven in einem brutalen Wettkampf miteinander messen müssen, haben in den Tributen von Panem ein ebenso prominentes Vorbild wie in Battle Royale.

Trotz dieses reichhalten Bezugssystems ist der erste Band von Red Rising mehr als die bloße Summe seiner Teile. Das liegt zum einen am atemlosen Erzähltempo, das insbesondere zum Ende hin den Spannungsbogen auf die Spitze treibt und eine unwiderstehliche Sogwirkung entfaltet. Zum anderen liegt es aber auch an der Sprache Browns. Sie ist weit über Genrestandard angesiedelt und lässt zwischen Blut, Gedärmen und Intrigen immer wieder Raum für tiefgründige Reflexionen, die man in diesem Setting nicht erwartet hätte.

Vorgegaukelte Komplexität und narrative Tricksereien

In Anbetracht dieser Sprachgewalt ist es umso ärgerlicher, dass Brown bei der Figurenentwicklung auf Masse statt Klasse setzt. Ein Großteil des mehr als umfangreichen Personals bleibt – man entschuldige dieses Wortspiel – vollkommen farblos, was zur Folge hat, dass der Leser zwangsläufig ein ums andere Mal den Überblick verliert. Gleiches gilt für die erzählte Welt und ihre Andersartigkeit: Unbekanntes wird bestenfalls in Nebensätzen eingeführt, die diplomatischen Beziehungen zwischen den goldenen Familien bleiben an vielen Stellen nebulös und ungreifbar. Oft ist unklar, wer warum gegen wen kämpft. Hier hätte Red Rising etwas mehr Sorgfalt gut getan, denn die Komplexität ist nicht in der erzählten Welt angelegt, sondern in der Schlampigkeit ihrer Vermittlung.

Erschwert wird die Orientierung zudem durch die ungewöhnliche Fokalisierung, denn Darrow ist das einzige Perspektiv und er erzählt im Präsens. Das ist gut für Tempo und Unmittelbarkeit, aber es zwingt Brown zuweilen, zu billigen Taschenspielertricks zu greifen. Dann nämlich, wenn Darrow selbst einen Hinterhalt plant und dem Leser nichts über seine Pläne mitteilt, die gleichwohl die ganze Zeit in seinem Kopf haben Gestalt annehmen müssen. Die so entstehenden Überraschungseffekte hinterlassen einen bitteren Nachgeschmack und sind kompositorisch fragwürdig.

Packender Mix aus Spannung und Anspruch

Ungeachtet dieser Schwächen ist der erste Band der Red Rising-Trilogie ein packendes Stück Literatur geworden, das den Spagat zwischen sprachlichem Anspruch und atemloser Spannung über weite Strecken bravourös meistert. Eine klare Empfehlung also, die Lust auf den zweiten Teil, Im Haus der Feinde, macht.

Red Rising
Published by: Wilhelm Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-53441-4
Available in: Paperback