Ingo Schulze: Peter Holtz

Hier halten sich Licht und Schatten die Waage: „Peter Holtz“ von Ingo Schulze.

In Peter Holtz lässt Ingo Schulze einen modernen Simplicissimus aus seinem eigenen Leben erzählen, genauer: aus den Jahren zwischen 1974 und 1998. Aufgewachsen und indoktriniert in der DDR, vermag kein noch so augenfälliges Beispiel für die Korruption und Brüchigkeit  des Systems seinen Glauben an die sozialistische Revolution zu erschüttern.

Bereits mit elf Jahren weigert er sich, für ein Essen zu zahlen und erklärt der Kellnerin, warum er kein Geld bei sich trägt:

Warum soll mir unsere Gesellschaft das Geld erst aushändigen […], wenn dieses Geld doch über kurz oder lang sowieso wieder bei ihr landet?

Dass ihn diese konsequent durchgelebte Einstellung mehrfach in arge Schwierigkeiten bringt und ihn selbst der Stasi suspekt macht, verwundert nicht. Die Feststellung der Kellnerin: „Bei Dir piept’s ja!“, illustriert beispielhaft die Reaktion seiner Umwelt.

Was macht ein Sozialist mit Kapital?

Doch Peter Holtz wäre kein klassischer Schelm, wären diese Reaktionen für ihn Anlass zum Über- oder gar zum Umdenken. Nach dem Fall der Mauer gilt seine größte Sorge allen Ernstes den von ihm erwarteten Westflüchtlingen:

‚Wir müssen Maßnahmen vorschlagen‘, flüstere ich Joachim Lefèvre zu, ‚falls Verfolgte, Arme und Obdachlose zu uns kommen wollen!‘

Die Wende gerät für ihn in doppelter Hinsicht zum Wendepunkt, denn er wird von einem Auto angefahren und liegt für Monate im Koma. Als er wieder aufwacht, ist er mehrfacher Immobilienmillionär: Seine Häuser, im Osten eher finanzieller Klotz am Bein, sind plötzlich heißbegehrt.

Dass Geld allein nicht glücklich macht, erfährt Peter nun am eigenen Leib. Es ist die zentrale Aussage des Romans, die zwar äußerst unterhaltsam, aber ideologisch etwas fragwürdig daherkommt. Sicherlich ist der Kapitalismus nicht der Weisheit letzter Schluss, ob es der in der DDR gepflegte Sozialismus war, darf jedoch ebenfalls bezweifelt werden. Insofern lässt die Haltung des Erzählers zumindest in einem Punkt denjenigen Typus Mensch durchscheinen, den die ZEIT in ihrer Besprechung als „kritischen Bürger des Sozialismus“ bezeichnet hat. Anders als es Adam Soboczynski dort schreibt, lässt Peter zwar kaum Kritik an der DDR zu, er hält den Kapitalismus ungeachtet aller möglichen Vergleichswerte jedoch stets für das größere Übel. Diese Form der Ostalgie wirkt trotz aller ironischen Brechung streckenweise befremdlich.

Eine äußerst unsympathische Figur

Peter Holtz bleibt seinen glühenden Überzeugungen zum Trotz stets zur Passivität verdammt: Alle Geschehnisse widerfahren ihm, obwohl oder gerade weil er nicht aus seiner Haut kann. Der Stasi entkommt er, weil er überall stolz herumerzählt, dass er als Spitzel für die Partei arbeitet und so sehr er im Westen auch versucht, sein Geld loszuwerden, es kommt immer wieder zu ihm zurück.

Das alles ist gespickt mit einer großen Portion Komik, die aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Peter eine äußerst unsympathische Figur ist. Am laufenden Band denunziert er für seine Überzeugungen seine Freunde, er ist auf penetrante Art besserwisserisch und komplett unbelehrbar. Das schadet dem Roman vor allem insofern, als Peter bewusst nicht als Antiheld angelegt ist: Um als wirksamer Spiegel der Gesellschaft zu funktionieren, muss er Empathie hervorrufen und das tut er nicht. Die Menschheit wäre keineswegs eine bessere, würden alle nach Peters Vorbild handeln.

Unterm Strich bleibt so ein zwiespältiger Eindruck zurück. Die Idee ist originell und streckenweise sehr witzig umgesetzt, der Schreibstil elegant und der Roman somit äußerst kurzweilig. Wirft man jedoch einen Blick hinter die vorgebliche Leichtigkeit, entdeckt man einen mehr als fragwürdigen Helden, der ein ebenso fragwürdiges Weltbild protegiert und die radikale Abkehr vom Kapital zur conditio sine qua non für ein glückliches Leben erklärt.

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst
Published by: S. Fischer Verlag
Edition: 1. Auflage
ISBN: 978-3-10-397204-7
Available in: Hardcover