Marcel Proust: Im Schatten junger Mädchenblüte

Subjektivität und Wahrheit

Im Schatten junger Mädchenblüte schließt nahtlos an den grandiosen ersten Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit an. Der Roman beginnt mit der Schilderung der Leidenschaft Marcels für Swanns Tochter Gilberte. Seine Liebe spiegelt augenscheinlich diejenige Swanns zu Odette: Sie ist bestimmt von Sehnsüchten und Phantasien, die Marcel auf Gilberte projiziert, die aber in der Realität keine Entsprechung finden. Mag diese strukturelle Wiederholung im ersten Moment irritieren, verweist sie doch auf ein zentrales Thema des Romanzyklus: Auf die Unmöglichkeit, das Innere anderer Menschen zu erfassen und damit – vom Einzelfall abstrahiert – auf die Unabschließbarkeit einer Suche nach objektiver Wahrheit.

Die Unvollkommenheit der Realität

Einen Hinweis auf diese Lesart liefert uns der Erzähler selbst:

So könnte ein Romanschriftsteller in der Lebensgeschichte seines Helden dessen aufeinanderfolgende Liebeserlebnisse fast genau gleich darstellen und dadurch den Eindruck erwecken, er kopiere nicht etwa bloß sich selbst, sondern er erschaffe Neues, denn in einer künstlichen Neuerung liegt weniger Gestaltungskraft als in einer Wiederholung, aus der sich eine neue Wahrheit ergeben soll.

Dieses Thema, diese ’neue Wahrheit‘ bestimmt nicht bloß Marcels wechselnde Liebesbeziehungen, es liegt auch den wiederholten Enttäuschungen zugrunde, die sich aus der Unvereinbarkeit von Phantasie und Realität ergeben: Dem ersten Besuch einer Theatervorstellung mit der Berma in der Hauptrolle etwa, der ersten Begegnung mit dem Schriftsteller Bergotte oder auch der Ankunft in Balbec. In jedem dieser Fälle erfährt die von Marcels Imagination entfachte Magie des Zeichens eine schmerzhafte Einschränkung durch die Realität des Bezeichneten, die – ganz im Sinne des mehrfach erwähnten Immanuel Kant – ihrerseits von Sinneseindrücken abhängig ist und daher gleichermaßen an der Wirklichkeit vorbeigeht:

Gewiß sind Namen höchst launenhafte Zeichenkünstler; von Menschen und Ländern entwerfen sie Skizzen, die so wenig ähnlich sind, daß uns oft eine Art von Bestürzung überkommt, wenn wir an Stelle der von uns imaginierten Welt die sichtbare vor uns haben (die übrigens auch nicht die wahre Welt ist, da unsere Sinne über kaum bessere Fähigkeiten verfügen als unsere Einbildungskraft, die Wirklichkeit richtig zu treffen […]).

Das Menschliche im Philosophischen

Die große Kunst Prousts ist es, dieses im Kern philosophische Thema in unnachahmlicher Weise fühl- und erfahrbar zu machen. Ich habe nichts mit Marcel gemein: Ich lebe in einer anderen Zeit, in einer anderen Gesellschaft und bin ganz sicher Teil einer anderen Schicht. Und dennoch treffen mich seine Gefühle und Hoffnungen – ebenso wie diejenigen Swanns übrigens – bis ins Mark. Die emotionale Berg- und Talfahrt, das Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz in seinen Beziehungen zu Gilberte und später Albertine verdanken ihre unmittelbare Wucht ihrer Allgemeingültigkeit. Jeder Leser dürfte unabhängig von Zeit und Ort ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Von der Architektur zur bildenden Kunst

In Im Schatten junger Mädchenblüte wird darüber hinaus ein zweites für den Romanzyklus konstitutives Thema weiterentwickelt: Die künstlerische Reifung Marcels. Stand zunächst vor allem das Interesse an Architektur im Vordergrund, betritt in diesem Band mit dem Maler Elstir die bildende Kunst die Bühne. Der zweite Teil des Romans erzählt von Marcels Reise nach Balbec, wo er Albertine Simonet und ihre Freundinnen, die titelgebenden jungen Mädchen, kennenlernt. Verweist schon Albertines Nachname auf Monet, ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt der Handlung das Atelier Elstirs. Aufschlussreich im Sinne poetologischer Implikationen ist nicht nur die Tatsache, dass die Malerei das Primat der Architektur verdrängt, sondern auch, dass sie bereits auf Marcels verhinderte Berufung, das Schreiben nämlich, verweist. Die Arbeit des Malers wird mehrfach mit derjenigen des Schriftstellers verglichen, das Tertium Comparationis ist – der aufmerksame Leser wird hellhörig werden – ausgerechnet die Metapher:

Sie [die Seestücke Elstirs, W.S.] verhalfen mir […] zur Erkenntnis, daß ihr Reiz in einer Art Metamorphose der dargestellten Dinge bestand, entsprechend derjenigen, die man in der Poesie als Metapher bezeichnet, und wenn Gottvater die Dinge schuf, indem er sie benannte, so schuf Elstir sie von neuem, indem er ihnen ihren Namen entzog oder ihnen einen anderen gab.

Vergegenwärtigt man sich, dass eines der zentralen proustschen Stilelemente die Metapher ist, spricht er hier auch von sich selbst; ganz unbescheiden als Schöpfergott.

Ein Roman von zeitloser Schönheit

Dieses künstlerische Selbstbewusstsein gab Marcel Proust recht: Im Schatten junger Mädchenblüte war sein Durchbruch, 1919 erhielt er dafür den renommierten Prix Goncourt. Ein monumentaler Roman von zeitloser poetischer Schönheit, der die Themen von Unterwegs zu Swann vertieft und dem das Kunststück gelingt, trotz seiner Komplexität auf jeder Seite so nahe wie möglich am Leser zu bleiben.