Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation

Bevor man sich Thomas Kaufmanns neuestem Reformationsbuch zuwendet, sollte man sich zweier Dinge bewusst sein: Erstens ist Erlöste und Verdammte keine Biographie Martin Luthers und zweitens richtet sich der Text an ein akademisches Publikum. Kann man sich damit arrangieren, ist Eine Geschichte der Reformation, so der Untertitel, eine lohnende Lektüre, die vor allem im letzten Drittel überzeugt.

Die Reformation als Medienrevolution

Martin Luthers Thesen gegen die scholastische Theologie (1517)

Kaufmanns Buch ist eine Freude für bibliophile Leser. Hier ein Bild der Thesen Luthers gegen die scholastische Theologie (1517).

Bereits ein erster flüchtiger Blick in das Buch lässt das bibliophile Herz höher schlagen: Erlöste und Verdammte ist großartig gesetzt, fantastisch und reichhaltig bebildert und hochwertig gebunden. Mag das auf zunächst wie reine Äußerlichkeit wirken, ist die Materialität in diesem speziellen Fall jedoch Programm, denn Kaufmanns Geschichte der Reformation ist vor allem Medienhistoriographie. Im Zentrum seiner Ausführungen stehen die vielfältigen Bezugspunkte zwischen der Person Martin Luthers und den neuen Möglichkeiten, die die Erfindung des Buchdrucks eröffnete:

Die Reformation war die erste religiöse Bewegung seit der Erfindung des Buchdrucks, die sich der Chancen des neuen Mediums konsequent und rückhaltlos bediente. Und Luther war der erste rechtskräftig verurteilte Ketzer, der sein Überleben dem Printmedium verdankte. […] Ohne Gutenbergs Erfindung wäre Luther nicht möglich gewesen; ohne Luthers Sprachkraft aber wären die geschichtsverändernden Potentiale, die der Erfindung des Mainzer Meisters innewohnten, bis auf Weiteres unentdeckt geblieben.

Kaufmann stellt Luther nicht bloß als Erneuerer der Kirche dar, sondern auch als Spezialist der publikumswirksamen Selbstvermarktung. Die Öffentlichkeit der durch ihn und seine Mitstreiter angestoßenen Umwälzungen war gleichwohl nicht nur darauf ausgerichtet, alle Bürger zu erreichen; sie war auch überlebensnotwendig, erschwerte sie doch die Sanktionierung:

Je mehr Personen es waren, die protestierten, umso schwerer musste es für das kirchliche Ancien régime werden, diese Übergriffe zu ahnden.

Kaufmanns historisierender Ansatz

Thomas Kaufmann wählt für seine Beobachtung der Erlösten und Verdammten eine historisierende Perspektive und umgeht so die ideenpolitische Vereinnahmung Luthers. Das schafft Objektivität und ermöglicht tatsächlich den freien Blick, den Andreas Main dem Autor auf dem Buchrücken bescheinigt.

Allerdings macht es die angemessene Beschäftigung mit einigen Details aus Luthers Leben schwierig. So behandelt Kaufmann Luthers Altersantisemitismus etwas knapp und führt ihn auf die für den Wittenberger als notwendig empfundene Abgrenzung seiner Konfession nach innen zurück. Im Angesicht des polyzentrischen Charakters des Luthertums und Kaufmanns Fokus auf die Reformation, nicht auf Luther als historische Persönlichkeit, ergibt das Sinn, für den Leser bleibt es gleichwohl etwas unbefriedigend.

Literaturverzeichnis von Thomas Kaufmanns Erlöste und Verdammte

Das rund 40 Seiten starke Literaturverzeichnis macht deutlich, dass sich „Erlöste und Verdammte“ als akademische Schrift versteht.

Letztlich ist Erlöste und Verdammte ein äußerst lesenswertes, wunderschön besorgtes Buch, das im Reformationsjahr deutlich macht, wie tiefgreifend und nachhaltig die Veränderungen waren, die das Luthertum vor nunmehr 500 Jahren angestoßen hat. Lediglich der akademische und teilweise sehr trockene Stil schmälert die Lektüre. Etwas mehr thematische Begeisterung hätte der Seriosität des Textes keinen Abbruch getan. Das kann man Kaufmann allerdings nur teilweise ankreiden, denn er schreibt für ein Fachpublikum. Verfehlt ist hier vor allen Dingen die Werbestrategie, die – wen wundert es – im Jubiläumsjahr auf größtmögliche Publikumswirkung abzielt. Ökonomisch scheint sie einigermaßen aufgegangen, ob allerdings alle Leser damit glücklich werden, darf bezweifelt werden. Da hätte der Verlag von Luther lernen können.

Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation
Published by: C.H. Beck
Edition: 2. Auflage
ISBN: 978-3-406-69607-7
Available in: Hardcover