Kazuo Ishiguro: Die Ungetrösteten

Sticht selbst aus Ishiguros beeindruckendem Werk hervor: „Die Ungetrösteten“.

War man bereits gut beraten, den Worten des Butlers Stevens nicht blind zu trauen, entwirft Kazuo Ishiguro in Die Ungetrösteten eine vollkommen aus den Fugen geratene Welt. Hier ist nun wirklich alles höchst unsicher, hier wird das Lächerliche zum Absoluten erhoben, hier gibt es keine Aktion, lediglich Reaktion.

Dabei beginnt alles recht konventionell: Der weltberühmte Pianist Mr. Ryder checkt in einer namenlosen Stadt in ein Hotel ein, da er dort drei Tage später, am Donnerstag, ein Konzert geben soll. Doch kaum ist er angekommen, tauchen scheinbar wildfremde Personen auf und bitten ihn um die absurdesten Gefallen: Der Hoteldirektor möchte, dass Ryder sich die lächerlichen Sammelmappen seiner Frau ansieht, der Hoteldiener ersucht ihn um Vermittlung zwischen ihm und seiner Tochter. Doch auch Ryders Erinnerung scheint gestört: Er kennt seinen eigenen Terminplan nicht und kann sich auch nicht genau erinnern, was für eine Darbietung man von ihm am Donnerstagabend erwartet.

Kafkas Schatten

Das erinnert nicht von ungefähr an Franz Kafka, ist doch die Hauptfigur ihrer Selbst höchst unsicher und strebt vordringlich nach Orientierung in einer Welt, die einen Überblick permanent verunmöglicht. Wenn Ryder an besagtem Donnerstag versucht, durch die labyrinthartige Stadt zum Konzertsaal vorzudringen und sich plötzlich einer mitten auf der Straße stehenden Mauer gegenübersieht, erinnert das deutlich an die kläglichen Versuche des Landvermessers K., zum Schloss vorzudringen.

Auch im allgegenwärtigen Humor erkennt man die Handschrift des Prager Autors. Einer der Höhepunkte ist der lächerliche Nekrolog auf den verstorbenen Hund des Dirigenten Brodsky:

Ja, er verkörperte für uns schließlich gewisse Schlüsseltugenden. Leidenschaftliche Treue. Furchtlose Liebe zum Leben. Ablehnung jeglicher herablassender Behandlung. Sehnsucht danach, alles auf die eigene besondere Art zu erledigen […]. Das heißt, er verkörperte gerade die Tugenden, die im Laufe der Jahre unsere einzigartige und stolze Gemeinde aufgebaut haben.

Wiederholung und Selbsterkenntnis

Strukturell ist der Roman repetitiv angelegt: Ryder kommt an einen Ort, wird um einen Gefallen gebeten und begibt sich zu dessen Ausführung auf einen Botengang. Nicht selten wird er unterwegs durch Zufallsbekanntschaften vom eigentlichen Ziel abgelenkt und auf neue Missionen geschickt. Dabei bleibt er stets passiver Spielball, reagiert lediglich, weshalb der von Paul Ingendaay ins Feld geführte Vergleich mit einer Flipperkugel sehr treffend ist.

Zu denken gibt die Aufteilung in vier Teile. Entsprechen die ersten drei davon den jeweiligen Tagen – Dienstag, Mittwoch, Donnerstag – spielt der vierte ebenfalls am Donnerstag. Es versteht sich von selbst, dass der Text darauf keine Antwort liefert, die kristallklare Architektur des Romans zwingt den Leser aber zur Interpretation. Tatsächlich reflektiert Ryder im abschließenden Teil seinen permanent abgelenkten Weg, was ihn aber nicht dazu ermuntert, etwas daran zu ändern:

Ein Gefühl der Sinnlosigkeit überkam mich allmählich, aber dennoch raste ich weiter und starrte in den Wald, der sich im Scheinwerferlicht vor mir auftat.

Dieser Satz kann als Quintessenz des Romans bestehen.

Kein Trost für die Ungetrösteten

In Die Ungetrösteten bricht sich der Surrealismus Bahn, der bereits in Damals in Nagasaki an die Tür geklopft hat. Der Text folgt mit seinen Verschiebungen, Verdichtungen, Ahnungen und Aufschüben der Logik des Traums. Fest steht am Ende nicht viel außer der Erkenntnis, dass alle Figuren auf ihrer Suche nach Anerkennung tatsächlich ungetröstet bleiben. Der Hoteldirektor kann es seiner Frau mit den Sammelmappen ebenso wenig recht machen wie der Hoteldiener seiner Tochter. Ryders Suche bleibt in doppeltem Sinne unerfüllt: Er kann seine Bittsteller nicht trösten und er bekommt seinerseits nicht die gewünschte Anerkennung. Seine Eltern haben all seiner Wünsche zum Trotz noch kein Konzert ihres berühmten Sprösslings besucht. Überflüssig zu erwähnen, dass sie auch am Donnerstagabend nicht zugegen sind.

Die Ungetrösteten ist ein großartiger, verstörend-tragischer Roman voll absurder Komik, der viele Fragen offen lässt und lange nachhallt. Wollte man Ishiguro überhaupt etwas vorwerfen, wäre es die überdeutliche Nähe zu Kafka. Diese verhindert allerdings nicht, dass einzig der Leser als Getrösteter bleibt; gesättigt und erfüllt von einem faszinierenden Meisterwerk.

Die Ungetrösteten
Published by: Wilhelm Heyne Verlag
Edition: 2. Auflage
ISBN: 978-3-453-42159-2
Available in: Paperback