Terézia Mora: Die Liebe unter Aliens

Zehn Prosaminiaturen versammelt Terézia Moras Band Die Liebe unter Aliens. In lakonisch-unwiderstehlichem Stil erzählt die Autorin von Figuren im gesellschaftlichen Abseits, die permanent unterwegs sind; laufend, tanzend, spazierend. Die Anthologie ist vor allem deshalb so beeindruckend, weil das in all seiner Alltäglichkeit fast beiläufig in den Blick genommene Unglück dennoch Raum für Hoffnung lässt.

Gemeinsam isoliert

Ein joggender Sonderling, eine Köchin, die ihren Lehrling um seine fragile Beziehung beneidet, eine junge Wissenschaftlerin, die die Trennung von ihrem Freund nicht verkraftet und ziellos durch London wandert: Die Figuren aus Die Liebe unter Aliens teilen eine existentielle Isolation, die sich in Gleichgültigkeit der Welt und dem eigenen Schicksal gegenüber Bahn bricht. Aliens sind sie insofern, als sie einander selbst in Momenten der Nähe fremd bleiben.

Diese Fremdheit erstreckt sich allerdings nicht bloß auf Zwischenmenschliches, sie ist immer auch Selbstentfremdung. Wenn der Hotelrezeptionist aus der Erzählung Verliefen sich im Wald auf die Frage nach seinem Lebenstraum antwortet, er würde gerne eine Sandwicheria eröffnen, ist das lediglich ein Ausweichmanöver. In Wahrheit kann er mit einem Karriereentwurf für das eigene Leben nichts anfangen. Er würde am liebsten

[g]ar nichts [tun]. Der Sonne beim Auf- und Untergehen zusehen. Länger als für diese wenigen Minuten des Tages möchte ich gar nicht leben. Nicht essen müssen, nichts. Schlafen, wie ein Fabelwesen. Es schläft, es wacht auf, um die Sonne beim Auf- und Untergehen zu sehen, dann schläft es wieder. Immer so, auf ewig.

Rastlosigkeit und Bewegung

Es passt zur Entwurzelung der Figuren, dass sie permanent unterwegs sind, fast so, als wäre die Bewegung an sich Surrogat für die Gesellschaft, in der sie keinen Platz finden. Damit machen sie Franz Kafkas berühmten Aphorismus zum Leitstern, demzufolge es ein Ziel gebe, aber keinen Weg:

was wir Weg nennen, ist Zögern.

Dieses bewegliche Zögern, diese erratische Rastlosigkeit spiegelt sich auch in der schwer bestimmbaren Erzählperspektive wider. Sie wechselt derart oft und übergangslos zwischen Figur und Erzähler, dass der Leser bisweilen keine Gewissheit mehr darüber hat, wessen Stimme er gerade lauscht. Ohne verlässliches Perspektiv ist er Isolation und Gleichgültigkeit ebenso unmittelbar ausgeliefert wie die Protagonisten, deren Bewegungen er folgt.

Der Ausbruch aus dem Irrlauf

In einem Interview mit der WELT hat Terézia Mora die Geschichten aus Die Liebe unter Aliens als optimistisch bezeichnet. Das mag auf den ersten Blick verwundern, trägt aber der Offenheit Rechnung, in die alle Erzählungen münden. Keine endet in Resignation, manche geben gar Anlass zur Hoffnung, wie Ella Lamb in Mullingar. Am Ende bringt die titelgebende Protagonistin ihren Sohn Benji ins Bett, der bis zum Abschluss ihrer Ausbildung als Fotografin bei ihren Eltern wohnt. Hin- und hergerissen zwischen Berufsleben, sozialen Verpflichtungen und ihrer Rolle als Mutter trifft sie eine Entscheidung und scheint damit einen Ausbruch zu wagen:

Sag, Benji, wie fändest du es, immer bei mir zu leben?

[…]

Wirst du dann jeden Abend beim Einschlafen bei mir sein? fragt Benji.

Ja, sage ich. Natürlich.

Es sind Momente wie diese, die aufatmen lassen, die den Glauben daran schenken, dass  es auch in unserer Zeit ein Ziel gibt, einen Platz, an dem man ankommen kann.

Die Liebe unter Aliens
Published by: Luchterhand
ISBN: 978-3-641-20041-1
Available in: Ebook