Justin Cronin: Der Übergang

Man nehme einen gleichermaßen genialen wie skrupellosen Wissenschaftler und ein waffenfähiges Supervirus, das aus den Infizierten übermenschliche Bestien mit unstillbarem Blutdurst macht: Fertig ist die massenkompatible Vampir-Apokalypse. Justin Cronins Der Übergang ist ein durchaus ehrgeiziges Projekt, dem jedoch signifikante handwerkliche Mängel einen Pflock durchs Herz treiben.

Eine Handlung aus der Retorte

Die Handlung ist altbekannt und fügt den Referenzwerken nichts Wesentliches hinzu. Der erste Teil erzählt die Geschichte einer Reihe von Todeskandidaten, die sich für Versuche mit einem neuartigen Virus zur Verfügung stellen. Im Gegenzug winkt ihnen die Umwandlung ihrer Strafe in lebenslange Haft. Es kommt, wie es immer kommt: Die infizierten und nunmehr mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Versuchspersonen können fliehen und richten in der Forschungsstation ein Blutbad ungeahnten Ausmaßes an.

Der zweite Teil spielt knapp hundert Jahre später in einem weitgehend entvölkerten Amerika. Längst haben die Infizierten das Land überrannt. Die letzten Menschen leben zusammengerottet in Kolonien, des Nachts lediglich durch Scheinwerfer vor den lichtempfindlichen Virals geschützt und daher vollkommen von einer funktionierenden Stromversorgung abhängig. Als diese auszufallen droht, macht sich eine Gruppe von Leuten aus der Ersten Kolonie auf den Weg zum Ursprung der Katastrophe, um dort weitere Menschen und Strom zu finden.

Das verbindende Element beider Zeiten ist das geheimnisvolle Mädchen Amy, das zwar ebenfalls Teil der Versuchsanordnung war, durch das Virus jedoch nicht zu einem blutsaugenden Monster mutiert ist. Ihre telepathischen Fähigkeiten machen sie zu einem unentbehrlichen Mitglied der Gemeinschaft.

Am Reißbrett entworfene Figuren

Dass Cronin in Der Übergang das Rad nicht neu erfindet, ist nicht tragisch, denn die Geschichte bietet genug Potential für spannende Unterhaltung. Fatal ist jedoch, dass er komplett an seinen Figuren scheitert. Weder vor noch nach der Katastrophe findet sich jemand, der mit genügend Persönlichkeit ausgestattet wäre, um Empathie zu wecken. Das Personal bleibt zu jeder Zeit generisch, was dazu führt, dass man die Figuren als Leser ständig miteinander verwechselt. Ihrem Schicksal gegenüber bleibt man gleichgültig, weshalb der Umfang des Romans folgerichtig auch nicht von Epik, sondern von Langatmigkeit zeugt. Der Übergang ist genauso blutleer wie die Opfer der Virals. Daran können auch die verschiedenen Erzählformen, Zeit- und Perspektivwechsel nichts ändern. Wenn es egal ist, wer spricht, dann ist es ebenso egal, ob er dies in einem Brief oder in indirekter Rede tut.

Auch stilistisch sowie erzähllogisch ist der Roman keine Offenbarung. Zwar schreibt Cronin überwiegend zweckdienlich, es finden sich jedoch zahlreiche Sätze wie dieser:

Die Panzerabwehrrakete explodierte und riss die Front des Chalets auf, doch das hörte Richards nur dumpf – das Krachen verhallte, wich in unglaubliche Ferne zurück –, denn er erlebte das für ihn völlig neue Gefühl, in zwei Hälften gerissen zu werden. (Hervorhebungen von WS)

Das sollte jedem Autor, zumindest aber jedem Lektor die Schamesröte ins Gesicht treiben und es gehört ganz sicher nicht zwischen zwei Buchdeckel; selbst dann nicht, wenn man es mit Fabrikware wie dieser zu tun hat.

Der Übergang als Untergang

Insgesamt bleiben ein an sich vielversprechendes Szenario mit guten Ideen, viele teils interessante literarische und filmische Verweise und ein paar spannende Passagen. Leider trifft das alles auf eklatantes handwerkliches Unvermögen. Der Übergang ist daher eher ein Untergang im Mittelmaß und ganz sicher eine deutliche Warnung vor der Lektüre der folgenden zwei Teile.