J. R. R. Tolkien: Der Herr der Ringe

Tolkiens Der Herr der Ringe ist der Archetypus all dessen, was heutzutage unter der Bezeichnung High Fantasy firmiert. Er erzählt von der geheimnisvollen Welt Mittelerde, von einem gefährlichen Ring und vom verzweifelten Versuch einer Gruppe ungleicher Gefährten, diesen Ring zu vernichten.

Gut gegen Böse

Der Herr der Ringe, Band 1: Die Gefährten

Der Herr der Ringe, Band 1: Die Gefährten

Im Kern entwirft Der Herr der Ringe eine klassisch-messianische Geschichte vom Kampf des Guten gegen das Böse. Der Hobbit Frodo erbt von seinem Onkel Bilbo einen geheimnisvollen Ring, der einst dem Dunklen Herrscher Sauron gehörte. Mit Hilfe dieses Rings wäre es Sauron vor Urzeiten beinahe gelungen, Mittelerde zu unterwerfen. Frodo muss sich nun unter Einsatz seines Lebens auf den Weg ins Land Mordor machen, um den Ring in die Feuer des Schicksalsberges zu werfen und ihn so auf ewig zu zerstören.

Gut und Böse sind in Der Herr der Ringe klar voneinander geschieden, die meisten Charaktere lassen bereits an ihrem Namen erkennen, ob sie auf der Seite Saurons oder der freien Welt Mittelerdes stehen. Das mag bisweilen naiv wirken, die Charakterisierung orientiert sich aber bewusst am klassischen Epos und kann Tolkien daher nicht vorgeworfen werden. Lediglich das Wesen Gollum bricht aus der Dichotomie ‚gut vs. böse‘ aus, denn es ist die einzige Figur, deren Charakter ambivalent bis zur Schizophrenie angelegt ist. Dass ausgerechnet Gollum als dem Ring vor langer Zeit Verfallener eine maßgebliche Rolle bei Frodos Mission zukommt, verwundert daher nicht.

Ein Epos in mehrfacher Hinsicht

Der Herr der Ringe, Band 2: Die zwei Türme

Der Herr der Ringe, Band 2: Die zwei Türme

Tolkiens Roman ist in mehrfacher Hinsicht ausufernd: Ein Gutteil der insgesamt rund 1.500 Seiten wird von Landschaftsbeschreibungen dominiert. Jeder Ort hat seine eigene Topographie, vom üppigen Auenland, der Heimat der Hobbits, bis hin zum kargen Mordor, wo der böse Herrscher Sauron seine Rückkehr und die Unterdrückung Mittelerdes vorbereitet.

Die Ausführlichkeit der Erzählung läuft den narrativen Konventionen des Genres zuwider, wie sie beispielsweise die sehr lesenswerten Red Rising-Romane durchdeklinieren: Sie drosselt das Tempo zugunsten atmosphärischer Dichte. Dieser Kunstgriff polarisiert und hat dem Roman bei aller positiven Kritik auch den Vorwurf eingebracht, langweilig zu sein. Er belohnt allerdings mit einer unvergleichlichen, vollkommen in sich geschlossenen Welt, die literaturgeschichtlich einzigartig sein dürfte.

Die Spitze des Schicksalsberges

Ausufernd ist auch die historiographische Dimension. Der Teil Mittelerdes und seiner Völker, den Der Herr der Ringe vorstellt, bildet – man verzeihe das Wortspiel – lediglich die Spitze des Schicksalsberges einer sehr viel umfangreicheren Mythologie, an der Tolkien sein Leben lang gearbeitet hat. Jedes Volk hat seine eigene, bis in die Grammatik ausgearbeitete Sprache und seine eigene, oft komplexe Geschichte, die sich über verschiedene Zeitalter erstreckt. Mag dieser Umstand zunächst vor allem für Fantasy-Nerds interessant scheinen, trägt er doch ungemein zur Geschlossenheit der Welt und zur Sorgfältigkeit der Erzählung bei.

Kompositorische Schwächen

Der Herr der Ringe, Band 3: Die Rückkehr des Königs

Der Herr der Ringe, Band 3: Die Rückkehr des Königs

Erstaunlich inkohärent ist dagegen die Komposition, der es – wie bereits in der Rezension zum Hobbit geschrieben – bisweilen an Gespür für überzeugende Dramaturgie mangelt. Ein gutes Beispiel ist der Kampf um Isengard, die Festung des Zauberers Saruman. Tolkien bereitet das Gefecht sehr sorgfältig vor, erzählt es dann aber nicht. Diese Aufgabe übernimmt an zu später Stelle das beteiligte Figurenpersonal, was der Erzählung einen Teil ihrer Spannung nimmt.

Ähnlich verhält es sich mit der Rahmenhandlung, die mit der Prüfung am Schicksalsberg hätte enden müssen. Stattdessen hängt Tolkien jedoch in einem etwa 100 Seiten langen Epilog einen weiteren Konflikt an, der überflüssig ist und den Roman kurz vor Schluss unnötig stolpern lässt. Aus dramaturgischer Sicht ist nachvollziehbar, dass Peter Jackson in seiner ansonsten werkgetreuen Verfilmung des Stoffes am Ende empfindlich eingegriffen hat.

Dieser kleinen Schwächen ungeachtet gilt Der Herr der Ringe zu Recht als Klassiker der Literaturgeschichte und ist ganz sicher ein einzigartiges Phänomen der Popkultur, dessen Erbe in Literatur, Film und Videospiel so produktiv ist wie eh und je.

Der Herr der Ringe
Published by: Hobbit Presse
Edition: 5. Auflage
ISBN: 978-3-608-93984-2
Available in: Paperback