Charles Dickens: David Copperfield

David Copperfield gilt nicht nur der interessierten Leserschaft als Meilenstein der Literaturgeschichte, auch Charles Dickens selbst bezeichnete den Text als sein „favourite child“, als sein liebstes Kind. Der Bildungsroman ist deshalb von zeitloser Schönheit, weil seine hochkomplexe Erzählstruktur von der Menschlichkeit seiner Figuren getragen wird und nicht umgekehrt.

Fall und Aufstieg David Copperfields

Die Geschichte greift viele Motive auf, die auch in anderen dickensschen Werken eine Rolle spielen. Der junge David Copperfield wird nach glücklicher Kindheit von seinem brutalen und rücksichtslosen Stiefvater Mr. Murdstone (!) verstoßen und zur Arbeit in einem heruntergekommenen Weincomptoir gezwungen. In seiner größten Not wendet er sich an seine einzige noch lebende Verwandte, die in seiner Familie gefürchtete Tante Betsy Trotwood. Zu seiner Überraschung nimmt sie ihn freundlich auf und ermöglicht ihm den Aufbruch in ein neues, selbstbestimmtes Leben.

Wie man Geschichten erzählt

David Copperfield ist komplett in der ersten Person erzählt, der Text folgt einer analeptischen Struktur in Form einer langen Rückblende. Copperfield ist zum Zeitpunkt der Erzählung bereits ein erfolgreicher Schriftsteller, dessen im Roman geschilderte Entwicklung als abgeschlossen gelten muss.

Erzähltheoretisch ist das komplex, denn der alternde Copperfield muss sich in sein heranwachsendes Selbst hineinversetzen und eine kindliche Perspektive einnehmen, die Naivität möglichst glaubwürdig inszeniert. Dass er die Distanz zwischen erzählendem und erlebendem Ich häufig variiert und somit zwischen beschränkter Wahrheitsfähigkeit und Allwissenheit changiert, verkompliziert die Lage zusätzlich.

Trotz dieses Kompositionsprinzips ist der Roman an keiner Stelle verkopft, was maßgeblich Charles Dickens außergewöhnlichen Fähigkeiten zuzuschreiben ist, menschliche und gesellschaftliche Stimmungen und Gefühle einzufangen und seine Geschichte über eine Spanne von über 1100  Seiten zusammenzuhalten. David Copperfield ist voll von Figuren für die Ewigkeit, selbst am Rande auftretende Charaktere sind mit außerordentlicher Liebe zum Detail und einem großen Gespür für ihre Psychologie gestaltet. Am Ende scheidet man selbst von den üblen Heeps mit Wehmut: Warum sich die Rockband Uriah Heep ausgerechnet nach einem schmierig-devoten Trickbetrüger benannt hat, bleibt dennoch ein Rätsel.

Körper von Gewicht: Copperfield und die Frauen

Rückständig erscheint David Copperfield hingegen in Bezug auf das Geschlechterverhältnis. Die Frauenfiguren des Romans sind entweder Opfer ihrer Triebe (Emly, Marta), schön und naiv (Davids Mutter, Dora) oder aber tüchtig im Haushalt (Agnes, Pegotty). Die einzige Ausnahme bildet Davids Tante Betsy, die gleichwohl wiederholt als ‚männlich‘ bezeichnet wird. Ihr scharfer Verstand und ihre Durchsetzungsstärke sind somit explizit kein Substrat ihrer Weiblichkeit; sie ist keine starke Frau, sondern stark trotz ihrer Geschlechts. Selbst wenn man das soziokulturelle Umfeld berücksichtigt, in dem der Roman entstanden ist, wirkt diese Schieflage befremdlich. Leidlich begründen könnte man sie in Bezug auf die verschiedenen Ehekonstellationen, die der Roman vorführt und – in der Mehrzahl – zum Scheitern verurteilt. Diese brauchen zwecks Anschaulichkeit ein gewisses Maß an Stereotypie, deren ausgestellte Künstlichkeit sich jedoch nicht mit dem Rest der sich sehr natürlich entwickelnden Geschichte verträgt.

Nichtsdestotrotz ist David Copperfield ein fantastischer Roman, der neben den liebevoll gezeichneten Figuren und dem subtilen Humor auch durch ein großartiges Portrait Londons besticht. Als Abenteuergeschichte ist er trotz seiner epischen Länge außergewöhnlich packend, als Bildungsroman überzeugend und als Studie der menschlichen Psyche gleichermaßen sorgfältig wie aktuell.

David Copperfield
Published by: Deutscher Taschenbuch Verlag
Edition: 2. Auflage
ISBN: 978-3-423-13730-0
Available in: Paperback