Jeff Menapace: Das Spiel - Opfer

Subtil wie Slayer, lebensbejahend wie die frühen Darkthrone, dramaturgisch ausgefeilt wie das Werk des Marquis de Sade: Jeff Menapaces Das Spiel – Opfer ist ein literarischer Totalschaden. Lesen kann man es dennoch, denn es hat durchaus seine spannenden Momente.

Die erste Tote: Die Plausibilität

Sicherlich bestimmt das Werk die Rezeptionshaltung. Von einem Thriller aus der Heyne Hardcore-Reihe erwarte ich daher weder sprachliche Virtuosität noch eine tiefgründige Charakterstudie. Was ich aber sehr wohl erwarte, ist eine zumindest oberflächliche Plausibilität. Ohne etwaige Handlungsüberraschungen vorwegnehmen zu wollen, kann ich sagen: Die fehlt hier leider.

Es geht um das Ehepaar Lambert, das mit seinen beiden Kindern ein entspanntes Wochenende am abgelegenen Crescent Lake verbringen möchte. Die Familie gerät jedoch in Visier und Gewalt eines sadistischen Brüderpärchens, das den idyllischen Trip zu einem wahren Alptraum mutieren lässt.

Was folgt, ist eine Mischung aus Saw, Texas Chainsaw Massacre (angeblich der Lieblingsfilm des Autors) und Freitag, der 13. Der zweite Teil der letztgenannten Filmreihe ist für ein Kindheitstrauma des Familienvaters verantwortlich und wird ausgiebig zitiert. Und tatsächlich hat Das Spiel – Opfer etwas Entscheidendes gemein mit Steve Miners Horrorfarce: Die Intelligenz der Todgeweihten.

In beiden Werken verhalten sich die Opfer in jeder Situation denkbar fehlgeleitet. So reisen die Lamberts nicht ab, obgleich sie ganz offensichtlich von Verrückten verfolgt werden und sie einer der Brüder, für Amy Lambert gut sichtbar, gar beim Sex beobachtet. Selbst ein abgeschnittener Finger in einer Angelköderdose kann die Familie nicht davon abhalten, dennoch am Crescent Lake Entspannung zu suchen. Dass der See die gleichen Initialen wie der berühmte Crystal Lake trägt, ist sicherlich kein Zufall.

Freitag der 13. - Jason kehrt zurück

Im zweiten Teil von ‚Freitag der 13.‘ trägt Jason Vorhees noch stilecht Kartoffelsack zur Spitzhacke

Tabubruch um jeden Preis

Wer über diese Schwäche hinweglesen kann, wird sich spätestens an den Gesprächen der Lamberts stören, die genau ein Thema haben: Sex. Prinzipiell freut es mich natürlich, dass ein Paar auch nach zwei Kindern nicht die Finger voneinander lassen kann, aber als Leser drängt sich mir bei derartig penetranten Penetrierungen der Eindruck auf, dass sich hier jemand um jeden Preis an allen vermeintlichen Tabus abarbeiten möchte.

Wer auch diese Belanglosigkeiten übersteht, wird mit einem wirklich üblen Mittelteil entlohnt, der Das Spiel – Opfer zwischenzeitlich zu einem echten Pageturner macht. Eltern dürfte dabei vor allem sauer aufstoßen, dass die kleinen Kinder der Lamberts in keiner Weise verschont werden: Die eine oder andere Szene reizt die Grenzen des Erträglichen aus.

Trotz spannender Stellen besser Laymon lesen

Im letzten Drittel fällt der Roman dann wieder stark ab. Insbesondere der Twist gegen Ende ist so vorhersehbar wie Jasons Wiederauferstehung. Opfer ist der erste Teil einer Trilogie, die offensichtlich die durchaus interessante Frage nach der Entstehung des Bösen – Vererbung vs. Sozialisierung – zum Thema hat. Ob die Kombination aus unplausiblem Stumpfsinn und einer ausgelutschten Rahmenhandlung über drei Romane hinweg funktioniert, wage ich dennoch zu bezweifeln. Es gibt ansprechendere Thriller im harten Segment, z.B. In den finsteren Wäldern oder auch Die Insel. Wer sich nach Tabubruch und unkomplizierten Charakteren sehnt, ist bei Richard Laymon definitiv besser aufgehoben.

Das Spiel - Opfer
Published by: Wilhelm Heyne Verlag
Date Published: 08/01/2016
Edition: Erste Auflage
ISBN: 978-3-641-18731-6
Available in: Ebook