Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks

In Das Ministerium des äussersten Glücks nimmt Arundhati Roy die Leser mit auf eine verstörende Reise nach Indien und Kaschmir. Zunächst begegnen wir Anjum, die früher Aftab hieß, sich als Transgender jedoch einer Kommune Hijras anschließt und schließlich auf einen Friedhof zieht, um dort ein Zentrum für all diejenigen zu eröffnen, die in der indischen Gesellschaft keinen Platz finden. Dann ist da S. Tilomatta, genannt Tilo, die an der Sternenwarte in Dheli ein mutterloses Baby mitnimmt. Umworben und unterstützt wird sie von ihren Studienfreunden, dem Regierungsmitarbeiter Biplab Dasgupta, dem Revolutionär Musa und dem Journalisten Naga. Sie alle verbindet die Suche nach einem Platz in der komplexen indischen Gesellschaft.

Eine gleichermaßen fordernde wie faszinierende Lektüre

Wie der inhaltliche Abriss vermuten lässt, ist Das Ministerium des äussersten Glücks über weite Strecken eher Anthologie als Roman. Erst am Ende laufen die Lebenswege der Figuren in einem übergeordneten Narrativ zusammen. Das ist ebenso fordernd wie faszinierend, denn Roy verzichtet auf Chronologie. Sie verschachtelt die einzelnen Episoden auf kunstvolle Weise miteinander und nimmt dabei weder sprachlich noch inhaltlich Rücksicht auf westliche Lektüregewohnheiten. So erfrischend das auch ist: Leser, die gerne alles verstehen wollen, werden sich streckenweise mit Grausen abwenden. Daher ist es auch unverständlich, warum der Fischer Verlag lediglich ein fragmentarisches Glossar der erklärungswürdigen indischen Begriffe angefügt hat.

Die Hauptrolle spielen Indien und Kaschmir

Es scheint, als sei es der Autorin Plan gewesen, alles an indischem Konfliktpotential in Das Ministerium des äussersten Glücks hineinzulegen. Deshalb ist die auf den ersten Blick chaotische Form mit ihrem Trommelfeuer aus Blut und Folter durchaus konsequent:  Die Hauptrollen spielen eben nicht Anjum und Co., sondern die indische Geschichte und Gegenwart in all ihrer Unübersichtlichkeit und Brutalität. Vom Eisenbahnattentat in Godhra bis hin zum Kaschmir-Konflikt lässt Roy kein historisches Blutvergießen aus. Das ist dank ihrer unmittelbar treffenden Sprachgewalt gleichermaßen intensiv wie lehrreich. Im Kontext eines Romans erscheint die Fokussierung des politischen Kommentars allerdings aus zwei Gründen als eher unglückliche Entscheidung.

Erstens ist es dem Leser zwischen unzähligen aufständischen Splittergruppen, Unterdrückern und gesellschaftspolitischen Outlaws irgendwann egal, wer wen warum erschießt.

Zweitens ist streckenweise unklar, ob Roy nun einen Roman schreiben wollte oder einen politischen Essay. Zu oft überlagert die Schilderung der realen historischen Konflikte die Lebensgeschichten der Figuren komplett. Insofern ist der FAZ-Kritik zuzustimmen, wenn sie behauptet, Das Ministerium des äussersten Glücks sei  „eine Dichtung voll mit Politik.“ Anders als es Julia Encke dort behauptet, kann man sich darüber allerdings mit Fug und Recht beschweren, da die Politik zumindest kapitelweise die Hauptfiguren frisst.

Das Ministerium des äussersten Glücks oder Die Schönheit im Unperfekten

Das Ministerium des äussersten Glücks bietet reichlich Angriffsfläche. Der Text macht keine Zugeständnisse und ist vielleicht gerade deshalb eine einzigartige Lektüre, weil er zur intensiven Auseinandersetzung zwingt. Was bleibt, ist ein überragend geschriebener, sowohl inhaltlich als auch formal seltsam unperfekter Roman voller skurriler Figuren, der sicherlich zu den diskussionswürdigsten Büchern 2017 gehört. Und diskussionswürdig ist per definitionem eben nur das, was der Diskussion würdig ist.

Das Ministerium des äussersten Glücks
Published by: S. Fischer Verlag GmbH
Edition: Erste Auflage
ISBN: 978-3-10-002534-0
Available in: Paperback