Cornelia Funke: Das Labyrinth des Fauns und Guillermo Del Toro: Pans Labyrinth

Das Labyrinth des Fauns, jüngst erschienen im Fischer Verlag, ist eine originalgetreue literarische Adaptation von Guillermo del Toros Film Pans Labyrinth aus dem Jahr 2007. Das Buch erzählt die herzzerreißende Geschichte des jungen Mädchens Ofelia, das sich im spanischen Bürgerkrieg vor der allgegenwärtigen Grausamkeit und ihrem gewalttätigen Stiefvater in eine Fantasiewelt flüchtet. Für den titelgebenden Faun, ein Wesen, halb Mensch, halb Ziegenbock, muss sie drei Aufgaben erfüllen, um zu beweisen, dass sie die verschollene Prinzessin eines unterirdischen Königreichs ist.

Nicht minder ungewöhnlich als die Zeitspanne zwischen Film und literarischer Verarbeitung ist die Tatsache, dass sich ausgerechnet Cornelia Funke an den Stoff gewagt hat. Deren Name assoziiert man üblicherweise eher mit Kinder- und Jugendromanen als mit folternden Faschisten. Die Umstände, unter denen das Buch entstand, dürften daher ganz nach del Toros Geschmack gewesen sein: Vielschichtig, unkonventionell und auf exzentrische Art skurril.

Das Labyrinth des Fauns ist nichts für Kinder

Skurril ist auch die Vermarktungsstrategie: Der Verlag bewirbt Das Labyrinth des Fauns ganz auf Linie mit Funkes Zielgruppe als Roman für Kinder und Jugendliche. Hier ist eine deutliche Warnung angebracht: Genau wie der Film richtet sich das Buch ausschließlich an Erwachsene; an hartgesottene Erwachsene zudem, denn es wird in epischer Breite gemordet, gefoltert und amputiert. Da der Film ebenfalls eine wahre Schlachtplatte ist, kann man Funke die überbordende Gewalt nicht vorwerfen. Das Buch ist gleichwohl genauso ungeeignet für das elterlich-kindliche Vorlesevergnügen wie der wesentlich harmlosere Friedhof der Kuscheltiere.

Von der Sehnsucht nach dem Tod

Dass der Tod in diesem Gemetzel eine zentrale Rolle spielt, verwundert nicht. Alle Figuren in Das Labyrinth des Fauns sind getrieben von einer starken Todessehnsucht. Der Tod erscheint als idealisierter Gegenentwurf zur qualvollen irdischen Existenz. Er ist das zugrundeliegende Movens der Geschichte und erschließt neue narrative Räume. Der Tod ihres Vaters führt Ofelia in den nordspanischen Wald zum brutalen Capitán Vidal, von dem sich Ofelias Mutter Schutz verspricht. Vidal wiederum ist besessen von der Uhr seines eigenen Vaters, die dessen genauen Todeszeitpunkt festgehalten hat. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als die eigene Sterblichkeit in seinem leiblichen Sohn zu überwinden.

Vollends als Sehnsuchtsort erscheint der Tod in Ofelias Bestreben, ihren Thron im unterirdischen Reich einzunehmen, eine kaum verhüllte Metapher für das Jenseits. Um ins Paradies einzuziehen, muss sie das entbehrungsreiche Leben überwinden. Diese Aussage, die Film und Buch teilen, ist höchst bedenklich, die Kritik hat sie überraschenderweise weitgehend ignoriert.

Die Macht der Fantasie

Die Stärke der Kunst liegt jedoch mitunter in ihrer Ambivalenz und so ist Das Labyrinth des Fauns neben seiner allzu suizidfreundlichen Jenseitsbezogenheit auch ein Plädoyer für den Glauben an eine bessere Welt. Ofelia findet diesen Glauben in Märchenbüchern und Funke lässt genauso wie del Toro offen, ob die fantastische Parallelwelt des kleinen Mädchens tatsächlich existiert. Für das Kind macht es keinen Unterschied, denn es schöpft aus dieser Welt die Kraft, seinem Stiefvater entgegenzutreten und sein kleines Brüderchen zu retten. Ausgerechnet er, der Sprössling des Scheusals Vidal, ist letztlich das Versprechen auf eine bessere Zukunft in einer Welt, die nichts als Blut und Verlust kennt.

Ein literarischer Hochgenuss

Sprachlich, dramaturgisch und kompositorisch ist Das Labyrinth des Fauns ein Meisterwerk. Funke hält sich sehr eng an das Handlungsgerüst des Films, flicht aber zehn eigene Märchen ein, die Ofelias Leben als kleines Mädchen mit ihrem Schicksal als Prinzessin verbinden und somit als Scharnier zwischen Fantasiewelt und Bürgerkriegsrealität dienen.

Für all die Traurigkeit, die Gewalt, aber auch die Hoffnung findet  sie eine einfühlsame Sprache, die das Kunststück fertigbringt, der filmischen Vorlage gerecht zu werden, dem Buch aber dennoch Eigenständigkeit zu verleihen. Die Geschichte ist derart stark erzählt, dass ich sie an einem einzigen Abend in einem Zug durchgelesen habe. Ergänzt durch die wunderschönen Illustrationen aus der Feder Allen Williams ist Das Labyrinth des Fauns trotz einer bedenklichen Tendenz zur Weltabgewandtheit ein Geschenk an bibliophile Leser und an die Macht der Fantasie.