Wilko Steffens

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Böse neue Welt – Zu Sebastian Fitzeks „Das Joshua Profil“

Sebastian Fitzek - Das Joshua Profil

Ausgerechnet Denis Scheck hat mich Sebastian Fitzek in die Arme getrieben. In „Druckfrisch“ verreißt er dessen Bücher regelmäßig auf derart ungezügelte Weise, dass in mir die Sensationsgier erwacht ist: Ich wollte wissen, was es mit dieser Antipathie auf sich hat und habe deshalb zu Das Joshua Profil gegriffen.

Fluch und Segen des Predictive Policing

Im Zentrum der Handlung steht der mittelmäßig erfolgreiche Schriftsteller Max Rhode, dessen Tochter Jola entführt wird. Auf seiner verzweifelten Suche nach ihr sieht er sich einem mächtigen Konzern gegenüber, der einen Algorithmus zur Verbrechensvorhersage entwickelt hat. Dieser Algorithmus spuckt ausgerechnet Rhodes Namen aus: Laut Berechnung wird er sich eines grausamen Verbrechens an Jola schuldig machen, von dem er selbst noch gar nichts ahnt.

Der Kampf gegen den Plot

Fitzek widmet sich in Das Joshua Profil mit Pädophilie und Predictive Policing zwei Reizthemen, scheitert jedoch an der vollkommen an den Haaren herbeigezogenen Konstruktion des Plots. Das ist schade, denn er schreibt trotz des stetigen, überflüssigen und handwerklich fehlerhaften Wechsels der Erzählperspektive durchaus spannend. Anders als sein amerikanischer Kollege Cody McFadyen widersteht er auch der Versuchung des reißerischen Tabubruchs. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass alle Figuren zu einem Dasein als schablonenhafte Abziehbilder verdammt sind. Sie kämpfen darüber hinaus gegen eine Handlung an, die vor allem gegen Ende von abstrusen und unglaubwürdigen Wendungen nur so strotzt. So verdankt die Auflösung ihre Unvorhersehbarkeit ausschließlich der Tatsache, dass der Algorithmus klar auf der Hand liegende Indizien nicht auswertet und aus den gesammelten Daten falsche Schlüsse zieht. Verstörenderweise wird er auch vom Erzähler bis zum Schluss als heiliger Gral der Wahrheitsfindung gefeiert. Oder, in den Worten seines Erfinders:

Mein Programm irrt sich nicht. Es sind die Menschen, die die Fehler machen.

Anders als ein schlechter Anfang hallt ein schlechtes Ende nach und so bleibt unterm Strich ein gut gemeinter, jedoch sehr mittelmäßiger Thriller übrig, der weder als ernstzunehmender oder gar kritischer Genrebeitrag noch als Trash funktioniert. Anders als von Scheck proklamiert, markiert Das Joshua Profil zwar nicht die Nulllinie der deutschen Gegenwartsliteratur, ist aber in seiner gleichförmigen Irrelevanz reine Zeitverschwendung.

Das Joshua Profil
Published by: Bastei Lübbe AG
ISBN: 978-3-7857-2545-0
Available in: Hardcover

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Ein Schelm, der auszog, unsterblich zur werden

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Bewege Dich, wenn es nicht zum Weinen reicht

  1. Die Bücher von Fitzek funktionieren meines Erachtens nach Schema F: jede zweite Szene endet mit einem scheinbar dramatischen Ereignis, das sich dann wenige Seiten später in Wohlgefallen auslöst. Nach dem zweiten oder dritten Versuch dieser Art, die Spannung künstlich hochzutreiben, hat das Buch bei mir das genaue Gegenteil bewirt – da ich dem Autor nicht mehr getraut habe, was diese Cliffhanger betraf, habe ich mich sozusagen als Leserin emotional ausgeklinkt und Spannung gar nicht mehr zugelassen.

    Ich habe es jetzt schon mehrfach mit Fitzek versucht, weil ich mir dachte: Irgenwas muss doch dran sein an dem Hype… Als ‚Nulllinie‘ würde ich persönlich sein Buch „Die Blutschule“ ansehen. Das versagt in meinen Augen komplett darin, psychologischen Horror aufzubauen, stattdessen wird dann zwischendurch ein niedliches Katzenbaby mit der Gartenschere zerlegt. (Wobei er wenigstens darauf verzichtet, die eigentliche Tat zu schildern.)

    • Wilko Steffens

      Hallo Mikka,

      lieben Dank für Deinen Kommentar. Dann sind wir uns in Bezug auf Fitzek ja einig. 🙂 Ich werde höchstwahrscheinlich kein Buch von ihm mehr in die Hand nehmen, auch wenn es viele Autoren in diesem Bereich gibt, deren Niveau noch weit darunter liegt.

      Gruß,
      Wilko

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