Charles Bukowski - Der Mann mit der Ledertasche (Rezension)

Passen wunderbar zusammen: Black XX und ‚Der Mann mit der Ledertasche‘

Charles Bukowski begegnete mir zunächst in Form einer Warnung. Vor einiger Zeit habe ich mich aufgrund der nachdrücklichen Empfehlung eines Kollegen eindringlich (man verzeihe dieses Wortspiel) mit Henry Miller beschäftigt, habe Im Wendekreis des Krebses sowie Stille Tage in Clichy und Sexus verschlungen, letztgenanntes eher mit mäßigem Vergnügen. Besagter Kollege warnte mich jedoch vor Bukowski: Der stecke im Vergleich zu Miller sehr viel leidenschaftlicher in der Gosse und im weiblichen Geschlecht als im Schreibtisch. Per Zufall bin ich nun beim Stöbern für meinen Januar-Beitrag zum Jahr des Taschenbuchs über Der Mann mit der Ledertasche gestolpert. Die Warnung kam mir erneut in den Sinn und sie klang plötzlich reizvoll. Kurz: Ich habe es gekauft, gelesen, und wurde mehr als positiv überrascht.

Wenn der Postmann zweimal klingelt

Der schmale Roman erzählt die Geschichte von Henry Chinaski, einem – folgt man der literarischen Archäologie – Alter Ego Charles Bukowskis. Chinaski ist Briefträger, Spielsüchtiger, Alkoholiker und schafft es nicht, auch nur einem einzigen Rock zu widerstehen. Soweit zur Handlung, deren eigentlicher Kern die satirisch überhöhte Beschreibung des Berufsalltags in der US-Postverwaltung von Los Angeles ist. Dieser erinnert in seiner Absurdität nicht selten an eine vulgäre Version von Kafka. Dessen literarische Sezierung ist geprägt von einem feinsinnigen Gespür für das Groteske. Als Beispiel mag die für Chinaski unerklärliche Demontage eines jeden zweiten Trinkbrunnens in der Behörde gelten. Auf Nachfrage erhält er folgende Erklärung:

Als […] dieses Gebäude 1912 gebaut wurde, waren in der Ausschreibung eine bestimmte Anzahl Trinkbrunnen vorgesehen. Bei der Überprüfung fand die Post jetzt heraus, dass zweimal so viele Trinkbrunnen installiert worden sind, wie ursprünglich vorgesehen. […]
Angenommen, ein Angestellter mit einem raffinierten Rechtsanwalt ist gegen Trinkbrunnen versichert. Stell Dir mal vor, er wird von einem Handwagen voller schwerer Zeitschriften gegen diesen Trinkbrunnen dort gedrückt.

Dass aufgrund drohender Schmerzensgeldklagen ein derartiger Umbau in Gang gesetzt werden könnte, ist in seiner Absurdität dem Aktenverkehr im Schloß vergleichbar.

Von der Kultivierung des Proletentums

Kommt es zum verbalen Schlagabtausch zwischen Chinaski und seinem Vorgesetzten Jonstone, geht es hingegen weniger feinsinnig zu. Nach einer sexuellen Begegnung mit einer wehrhaften Kundin kommt der Erzähler mit vollkommen zerkratztem Gesicht zurück zur Arbeit, woraufhin sich folgender Dialog mit seinem verhassten Chef entspinnt:

‚Gott im Himmel, was ist mit Ihrem Gesicht passiert?‘ fragte er.
‚Das wollte ich Sie auch schon immer fragen‘, sagte ich.

Das ist stumpf, aber es ist witzig, weil es ehrlich ist. Und um Ehrlichkeit geht es Bukowski. Auch wenn die schöpferische Selbstreflexion in Der Mann mit der Ledertasche weniger Raum einnimmt als in den eingangs erwähnten Romanen Millers, finden sich doch auch hier etliche Hinweise auf das Ziel dieser Kultivierung des Proletentums. Immer wieder treten schreibende Figuren in Chinaskis Leben und immer hat er eine erstaunlich differenzierte Meinung zu deren Schaffen. So liest er einen Romanversuch seines Kollegen Janko und bescheinigt ihm eine Fähigkeit zur ehrlichen Schilderung, während er den gekünstelten Autorenkreis seiner vorübergehenden Liebschaft Fay grundheraus ablehnt.

Hält die Widmung, was sie verspricht?

Wer mitliest, weiß es bereits: Die Widmung von Der Mann mit der Ledertasche hat mich zum Kauf verleitet.

Dies ist ein Roman.
Er ist niemandem gewidmet.

Ich wurde nicht enttäuscht: Tatsächlich macht die Selbst-Be-Gattung Sinn, ist das Buch doch kein gewöhnlicher Roman. Tatsächlich geht es um einen Niemand im gutbürgerlichen Sinne, der sich all seiner Eskapaden zum Trotz als ein Jemand entpuppt, da er die ihm begegnenden Missstände offen benennt und sich letztlich, schließlich ist der Text zeitgleich ’niemandem‘ gewidmet, frei macht, um die Welt schreibend zu erobern. Dabei sitzt er freilich nicht im häufig bemühten Elfenbeinturm, sondern in einer heruntergekommenen Spelunke, vor sich eine Flasche Whiskey und auf dem Schoß eine nackte Frau.

P.S.: Wollt Ihr mehr über das Jahr des Taschenbuchs erfahren, schaut am besten bei Kielfeder oder bei Die Liebe zu den Büchern vorbei. Dort erfahrt Ihr alles über die Idee dahinter und die Teilnahmebedingungen.