Steven Pinker: "Aufklärung Jetzt"

In seinem neuen Buch Aufklärung Jetzt verfolgt Steven Pinker ein hehres Ziel: Die Entzauberung von Kulturpessimismus und negativen Zustandsbeschreibungen unserer Gegenwart mit Hilfe einer Rückbesinnung auf vier grundsätzliche Themen der Aufklärung: Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Denn Pinker ist sich sicher: Entgegen allen Unkenrufen leben wir in der besten aller möglichen Welten. Hat diese Welt aber auch das beste aller möglichen Bücher hervorgebracht, wie Bill Gates es uns auf dem Umschlag glauben machen will?

Empirie wider das Bauchgefühl

Aufklärung Jetzt ist ganz im Sinne seines Untertitels eine kämpferische Verteidigung der Welt gegen alle Fortschrittsfeinde und Pinkers Waffe ist die datengestützte Empirie. Folglich konfrontiert er den Leser mit Tabellen und Langzeitstudien, um zu beweisen, dass die aufklärerischen Ideale den Menschen einen tatsächlichen, messbaren und unerwartet großen Fortschritt beschert haben.

Dieser Ansatz ist nicht bloß aufschlussreich und überzeugend, sondern überdies immens wichtig in unserer polarisierenden Zeit, deren Überhang an Negativitätsverzerrungen dem politischen Extrem in die Karten spielt. Eindrucksvoll belegt Pinker in den insgesamt 17 Kapiteln des zweiten Buchteils, wie sehr sich unsere Welt im Verlauf der Jahrhunderte zum Besseren gewandelt hat:  Wir leben länger, sind gesünder, wohlhabender, demokratischer und können uns über so viel Freizeit freuen wie keine Generation zuvor.

Der Preis enthusiastischer Apologetik

Die Kehrseite von Pinkers Fortschritts-Enthusiasmus ist ein fataler Hang zur Einseitigkeit, ein gefährliches Liebäugeln mit Komplexitätsreduktion, das stellenweise gar einen anti-aufklärerischen Anstrich bekommt: So bezeichnet er den Terrorismus als „winzige Gefahr“ oder verteidigt Kernenergie mit dem Argument, sie sei CO2-frei, bestmöglich skalierbar und überdies so sicher wie kein fossiler Brennstoff. Dass er die Anzahl der Toten der Tschernobyl-Katastrophe auf 31 beziffert, hat einen zynischen Beigeschmack und beweist, dass auch Statistiken Auslegungssache sind.

Gilderoy Lockhart lässt grüßen

Auffallend unangenehm ist auch der wissenschaftliche Dünkel, dem Pinker an einigen Stellen erliegt, wenn er sich im Übermaß selbst zitiert und auf seine zahlreichen und selbstverständlich bahnbrechenden Bücher verweist. In diesen Passagen erinnert er an Gilderoy Lockhart, den hochstaplerischen Zauberer aus Harry Potter. Das ist schade, denn nötig hat es Aufklärung Jetzt nicht.

Was haben Gott und die Geisteswissenschaften Pinker getan?

Im letzten Teil des Buches zieht Pinker gegen die vermeintlichen Feinde der aufklärerischen Ideen ins Feld und macht insbesondere theistische Religionen und – man höre und staune –Geisteswissenschaften als anti-aufklärerische Kräfte aus.  Dabei irritiert insbesondere, mit welcher Vehemenz und in welcher Verkürzung Pinker die Nichtexistenz Gottes zu beweisen versucht, gerade so, als ob er einen persönlichen Konflikt auszufechten habe. Noch ärgerlicher ist, dass er ausgerechnet in diesen Passagen das Feld der Empirie verlässt und beispielsweise ohne Quellenangabe behauptet,

[n]ur wenige gebildete Menschen von heute bekennen noch einen Glauben an Himmel und Hölle, an den Wortlaut der Bibel oder an einen Gott, der auf die Gesetze der Physik pfeift.

Sein Angriff auf die Geisteswissenschaften, denen er inkonsequenterweise ihren Status als Wissenschaft in toto mal zu- und mal abspricht, wirkt noch skurriler. Um subjektive Stimmungsmache mit Zahlen zu entkräften, ist Empirie sicherlich das Mittel der Wahl; um sie zu erklären, greift jedoch auch Pinker zwangsweise auf die von ihm verachtete Hermeneutik zurück. Man mag kaum glauben, dass er als Professor einer der renommiertesten Universitäten ernsthaft behauptet, Natur- und Geisteswissenschaften stünden sich noch immer feindlich gegenüber.

Unterm Strich bleibt so ein ambivalenter Eindruck. Aufklärung Jetzt ist ohne Frage ein wichtiges und aufschlussreiches Buch, es ist jedoch in seiner elitären Eitelkeit und Verkürzung sein eigenes größtes Gegenargument. Ganz sicher ist es nicht das beste aller möglichen Bücher, aber nichtsdestotrotz gibt es zu denken und hallt nach.

Aufklärung Jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. Eine Verteidigung
Published by: S. Fischer
Edition: 1. Auflage
ISBN: 978-3-10-002205-9
Available in: Hardcover