Herman Koch: Angerichtet

Man nehme zwei ungleiche Brüder und setze sie zusammen mit ihren Frauen in ein Nobelrestaurant zu einem Abendessen in erzwungen familiärer Atmosphäre: Herman Kochs Roman Angerichtet beginnt wie ein dramatisches Kammerspiel, entwickelt sich jedoch schon bald zu einer tragikomischen Groteske mit sehr ernstem Thema, in der eine absurde Wendung die nächste jagt.

Willkommen in der Welt der Lohmanns

Paul Lohmann ist ein sympathischer Typ. Weder lässt er sich vom gekünstelten Gehabe des Kellners einschüchtern noch von den absurden Essenspreisen in dem Restaurant, das sein Bruder Serge, angehender Ministerpräsident der Niederlande, für die Zusammenkunft ausgewählt hat. Pointiert und mit Biss entlarvt er jede noch so subtile Form von Snobismus der Upper Class als das, was sie ist: arrogante Selbstgefälligkeit. Insbesondere der vermeintliche Weinkenner und tatsächliche Limonadensäufer Serge bekommt sein Fett weg:

Zu Hause hat er früher immer nur Cola getrunken, literweise, beim Abendessen wurde locker eine ganze Familienflasche geleert.

Ohne Frage solidarisiert man sich bereits im ersten Kapitel mit Paul, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Er erscheint als vernünftiges Korrektiv in einem aus den Fugen geratenen Mikrokosmos aus Machtstreben und elitärem Dünkel.

Wie weit kann Elternliebe gehen?

Spätestens jedoch, nachdem eben dieser Paul auf dem Handy seines Sohnes mehrere verstörende Videodateien gefunden hat, ist klar, dass die Lohmanns nicht ohne Grund zum Essen verabredet sind: Es geht um die Zukunft ihrer Söhne. Zusammen haben sie ein Verbrechen begangen, das die Existenz beider Familien gefährdet und die Eltern letztlich dazu zwingt, sich intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie weit sie zu gehen bereit sind, um ihre Kinder zu schützen.

Alles eine Frage der Perspektive

In dieser Frage nun vertreten die Parteien ganz unterschiedliche Meinungen, die so gar nicht zu den Charakterzügen passen wollen, die Paul ihnen zu Beginn andichtet. Hermann Koch zwingt uns dazu, unseren moralischen Kompass immer wieder neu zu justieren, indem er dem Leser die eingeschränkte und – wie sich herausstellt – in besonderem Maße unzuverlässige Perspektive Pauls aufzwingt. Durch diesen Kniff ist es ihm möglich, die wahren Abgründe der Figuren erst nach und nach zu offenbaren und die Spannung bis zum überraschenden Finale aufrechtzuerhalten.

Angerichtet ist eine berückende Leseerfahrung und ein unverschämt unterhaltsamer Roman, der es schafft, bis zum Ende unvorhersehbar zu sein, der Witz mit Tragik auf ganz eigene Art kombiniert. Schade ist lediglich, dass Koch am Ende die gesellschaftskritischen Untertöne immer absurderen und brutaleren Wendungen opfert. Nichtsdestotrotz richtet er in Angerichtet nicht weniger an als ein literarisches Fünf-Gänge-Menü der Extraklasse.