Wilko Steffens

Mein Literaturblog: Alles rund ums Gedruckte

Peter Stamms „Agnes“ – Vom Sieg der Literatur über das Leben

Agnes ist tot.

Peter Stamm Agnes Buchcover

Peter Stamm Agnes Buchcover (Quelle: fischerverlage.de)

Mit diesem schlichten Satz beginnt Peter Stamms Debütroman Agnes und gibt damit sprachlich vor, was den Leser auf den kommenden rund 150 Seiten erwartet. Im Kern geht es wie so oft in der Kunst um das Scheitern einer großen Liebe, hier zwischen dem Ich-Erzähler, einem Sachbuchautor, dessen literarische Ambitionen längst der Vergangenheit angehören, und der sehr viel jüngeren Agnes, die an ihrer Dissertation in Physik schreibt.

Der Erbe Walter Fabers

Die besondere Spannung der Beziehung zwischen Agnes und dem Erzähler ergibt sich aus dem spezifischen Charakter der Figuren. So erscheint der Sachbuchautor als legitimer Erbe Walter Fabers, dessen reales Liebesempfinden der nüchternen Rationalität seines Berufs entspricht:

Unser Leben war ruhig, unsere Tage glichen einander, und wir waren zufrieden. Wir hatten uns schnell aneinander gewöhnt.

Doch wie im Falle Fabers brodelt es auch hier unter der Oberfläche, entwickelt die Liebe zu Agnes eine Eigendynamik, die sich jedoch lediglich im Medium der Schrift Bahn brechen darf.

Agnes vs. Agnes

Denn nachdem Agnes erfährt, dass des Erzählers Vergangenheit nicht ausschließlich Sachbücher, sondern ebenfalls prosaische Versuche hervorgebracht hat, bittet sie ihn, einen Roman über sie selbst zu schreiben, ein Portrait, wie sie sich ausdrückt:

Es gibt kein einziges gutes Bild von mir. Auf dem man mich sieht, wie ich bin.

Wer sich ein wenig in der Literaturgeschichte auskennt, weiß, dass auf einen derartigen Wunsch die unausweichliche Katastrophe folgen muss. Denn in dem Moment, in dem sich der Erzähler zu diesem Experiment bereiterklärt, wird aus der Ménage à deux eine Ménage à trois, da Agnes nolens volens mit ihrem literarischen alter ego zu konkurrieren gezwungen ist. Und hier, man ahnt es, zieht sie den sprichwörtlichen Kürzeren.

Leben vs. Literatur

In den Momenten poetischer Übersteigerung weicht die Nüchternheit des Erzählers einem körperlich schmerzhaften Begehren:

Meine Liebe zu Agnes hatte sich verändert, war nun anders als alles, was ich früher gekannt hatte. Ich fühlte eine fast körperliche Abhängigkeit, hatte das demütigende Gefühl, nur ein halber Mensch zu sein, wenn sie nicht da war.

Im Prozess der Überführung des Lebens in Literatur hört Agnes auf intradiegetischer Ebene auf, zu existieren; sie wird zum metadiegetischen Geschöpf des Erzählers, zum Motor und Gegenstand einer längst verschollen geglaubten Vergangenheit. Dass es gerade dann zu einer Affäre mit Louise, einer Halloween-Bekanntschaft, kommt, verwundert nicht: Physisch ist Agnes zu diesem Zeitpunkt für den Erzähler längst gestorben.

Er braucht sie, sicher; aber nicht mehr als Freundin, sondern gleich einem Parasiten als Nahrungsquelle für sein Schriftstellerego. Daher ist es auch bloß konsequent, dass es aufgrund der Schwangerschaft Agnes zum ersten Bruch kommt:

‚Agnes wird nicht schwanger‘, sagte ich. ‚Das war nicht…‘

Richtig: Agnes wird nicht schwanger, Agnes aber schon.

„Ein Mann, der so schöne Briefe schreibt, kann kein schlechter Mensch sein.“

Dieser interpretatorische Schlüsselsatz, geäußert von einer Dame, die auf der Zugfahrt von Chicago nach New York neben dem Erzähler sitzt, könnte so oder so ähnlich von Felice Bauer stammen. Doch wie sie müssen auch die Figuren in Agnes einsehen, dass Leben und Schreiben zwei grundsätzlich verschiedene, vielleicht gar einander ausschließende Dinge sind, dass die Realität grundsätzlich an der Fiktion scheitern muss. Dies ist eine der zentralen Aussagen des Romans und jeder Mensch, der selbst ein Buch geschrieben hat, ahnt ihre unbedingte und schmerzhafte Wahrheit.

Ende mit Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Am Ende der metadiegetischen Erzählung erfriert Agnes. Was mit ihrer intradiegetischen Version passiert, bleibt offen: „Agnes ist nicht zurückgekommen“, heißt es schlicht im letzten Kapitel. Die Literatur hat über das Leben gesiegt und sie hat – das ist vielleicht die perfide Stärke des Romans – auch über den Leser gesiegt, der zwar unweigerlich dazu tendiert, den Erzähler für einen sozialen Blindgänger zu halten, der aber doch dessen Werk bis zum Ende verfolgt hat. Möglicherweise auf Kosten einer real existenten Agnes – da kann es einen schon frösteln…

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  1. Lustig_imernst-schlecht

    Ich finde das Buch echt schlecht.
    warum muss ich das in der schule lesen?
    Keine Spannung und kein Interressantes Thema, kein Spaß, keine Abwechslung… GG bye

    • Lustig_imernst-schlecht

      Lol meeein rechtschreibfehler xD

      • Wilko Steffens

        Hallo,

        besten Dank für den Kommentar. Warum das Buch in den Schulkanon aufgenommen wurde, kann ich nicht sagen, das ist im weitesten Sinne Sache des Kultusministeriums.

        Ob es thematisch interessant ist, ist sicherlich Ansichtssache. M.E. ist der Konflikt zwischen Leben und Literatur in ‚Agnes‘ recht originell und packend geschildert.

        Beste Grüße,
        Wilko

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