Büste des Aristoteles

Was hätte wohl Aristoteles zum Bestseller-Algorithmus gesagt? (Quelle: derstandard.at)

Seit jeher suchen die Menschen nach einer goldenen Regel, um große Kunst hervorzubringen. Dies belegen die zahlreichen Regelpoetiken von Aristoteles bis hin zu Opitz, dies belegen aber auch zumindest anteilig die nicht minder zahlreichen Werke der Weltliteratur, die ihre eigene Entstehung zum Thema machen. Die Arbeiten, die versuchen, Niklas Luhmanns Systemtheorie auf die Literaturwissenschaft zu applizieren, legen Zeugnis von der Faszination literarischer Selbstreferenz ab: Eine derart verstandene Textgenese könnte – unter Einschränkungen – tatsächlich als Autopoiesis beschrieben werden, mitunter aber auch als Suche nach einer impliziten Poetik. Wer würde nicht gerne eine Anleitung zur Hand haben, um den nächsten Bestseller zu schreiben?

Statistische Stilometrie: Die Bestsellervorhersage?

Wie das Magazin t3n berichtet, haben es sich drei Wissenschaftler der Stony Brook University zur Aufgabe gemacht, einen Algorithmus zu entwickeln, der potentielle Bestseller identifizieren soll. Statistische Stilometrie heißt das bereits seit dem 19. Jahrhundert verwendete Verfahren, in dessen Rahmen der Algorithmus verortet werden kann. Als Datenbasis fungierten ausgewählte Bücher des Projekts Gutenberg, angereichert mit aktuellen Dauerbrennern von Dan Brown und Klassikern von Charles Dickens und Ernest Hemingway.

Von jedem dieser Werke wurden die ersten 1.000 Sätze gemäß des stilometrischen Verfahrens untersucht: Streng statistisch im Hinblick auf Wortarten, grammatische Regeln und auch Wörter, die Emotionen und starke Konnotationen transportieren. Wer sich für die Einzelheiten der Studie interessiert, findet sie hier als PDF-Datei.

Exaktheit und Nutzen

Glaubt man den Wissenschaftlern, hätte der von ihnen entwickelte Algorithmus in 84 Prozent aller Fälle korrekt entschieden, ob es sich beim analysierten Werk um einen Bestseller handelt oder nicht. Ein beeindruckendes Ergebnis, das – eine Wiederholbarkeit bei wechselndem Korpus vorausgesetzt – selbstverständlich von höchstem ökonomischen Nutzen für die Branche wäre. Es gibt sicherlich zahlreiche Lektoren, denen im Laufe ihres Berufslebens der ein oder andere Bestseller durch die Lappen gegangen ist. Ob es nun Stephen King ist oder aber Joanne K. Rowling, die in diesem Zusammenhang wahrscheinlich auf ewig als Musterbeispiel herhalten muss: Die Annalen der Literaturgeschichte sind voll von Autorenbiographien, die von spätem Erfolg und zahlreichen vorherigen Ablehnungen berichten.

Kolibri im Flug

Der Kolibri: Googles neues Lieblingstier (Quelle: turmsegler.net)

Letztlich wird sich aber auch ein derartiger Algorithmus als verhältnismäßig nutzlos erweisen: Zum einen berücksichtigt er den Inhalt der analysierten Werke überhaupt nicht, sondern basiert lediglich auf einem (begrenzten) Satz an grammatisch-stilistischen Konfigurationen. Das hat natürlich auch technische Gründe: Wie Googles derzeitiger Vorstoß mit dem Hummingbird Update zeigt, steckt die semantische Suche und mit ihr die automatisierte semantische Exegese trotz bahnbrechender Neuerungen noch immer in den Kinderschuhen. Ein Buch wie Harry Potter ist aber nicht bloß aufgrund seiner stilistischen Eigenschaften zum Bestseller avanciert, sondern auch, weil es eine kohärente, faszinierende erzählte Welt entwirft, in die der Leser gerne zurückkehrt. Gleiches gilt für den fiktiven Roman Die Puppe aus Luft, der im Zentrum des Science-Fiction-Epos 1Q84 Haruki Murakamis steht. Tengo, die männliche Hauptfigur, wird damit beauftragt, den Text einer 17-jährigen stilistisch zu überarbeiten, um das Buch zum Kassenschlager zu machen. Die Rechnung, so wird Murakami nicht müde zu betonen, geht aber nur deshalb auf, weil die unnachahmliche Anziehungskraft der Puppe aus Luft schon in der Rohfassung vorhanden war. Stil ist eben nicht gleichzusetzen mit Substanz.

Zum anderen legt der Algorithmus dem Kunstwerk ebenso strikte Ketten an wie die normative Regelpoetik des 18. Jahrhunderts. Kunst lässt sich aber nicht anhand einer Gebrauchsanweisung konstruieren oder erklären. Diese Erkenntnis gebar die Kritik an der Poetik, sie wird ebenfalls den Siegeszug eines wie auch immer gearteten Bestseller-Algorithmus verhindern. Gott sei Dank, möchte man meinen.