Paul Auster

Paul Auster (Quelle: last.fm)

Paul Auster hat ein durch und durch menschliches Problem: Die Zeit. Sie verrinnt erbarmungslos und man kann sich – zumal als Schriftsteller – nie sicher sein, dass man alles wird sagen können, was zu sagen ist, bevor man unweigerlich verstummt. Daher sein Ziel:

 

Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst Du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. […] Vielleicht solltest du deine Geschichten fürs Erste einmal beiseitelegen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben – vom ersten Tag, an den du dich erinnern kannst, bis heute. Ein Katalog von Sinnesdaten. Was man eine Phänomenologie des Atmens nennen könnte. (7)

Eine etwas andere Autobiographie

Paul Auster: Winterjournal

Paul Auster: Winterjournal (Quelle: annabelle.ch)

Ausgehend von der Beobachtung seines Körpers unternimmt Paul Auster eine Reise in seine eigene Vergangenheit, seine physischen Freuden und Leiden bestimmen die Chronologie der Ereignisse in dieser etwas anderen Autobiographie. Anders ist sie vor allem deshalb, weil er sich als versehrten Menschen darstellt und nicht als den glamourösen Bestsellerautor, dem die Feuilletons und Leser gleichermaßen zu Füßen liegen. Wie in der Rezension der ‚ZEIT‘ angemerkt, muss der geneigte Auster-Leser an dieser Stelle geradezu aufhorchen, zwingt ihn doch die Gattungsbezeichnung des Textes dazu, die fiktionalen Steinchen im als faktual ausgezeichneten Mosaik zu suchen. Wer Auster kennt, kennt auch seine Liebe zur Autobiographie im Roman; jetzt nach dem Roman in der Autobiographie zu suchen, erscheint folgerichtig.

Vielleicht verfehlt man so aber die Intention und den Kern des Textes, der mich von der ersten Seite an in seinen Bann geschlagen hat; und das trotz meiner eher kritischen Einstellung zu Austers Werk und meinem grundsätzlichen Problem mit der zweiten Person als Erzählform. Im Winterjournal, das schon im Titel dem allgegenwärtigen Tod einen Platz zum Atmen einräumt, funktioniert die Anrede jedenfalls wunderbar, obwohl in der deutschen Übersetzung die Doppeldeutigkeit des ‚you‘ als ‚Du‘ und ‚man‘ notwendigerweise abhandenkommt.

Von Filzläusen, Furunkeln und Panikattacken

Die zweite Person lässt einen ganz nah heran ans Geschehen und macht Winterjournal zu einer beinahe persönlichen Angelegenheit zwischen Erzähler und Leser. Zu einer Angelegenheit, die auch deshalb so faszinierend und packend ist, da sie durch die Aufzählung aller körperlichen und geistigen Leiden zu einer ganz eigenen Authentizität findet. Die Panikattacken, unter denen Auster leidet, habe ich in der Literatur noch niemals so plastisch und schonungslos geschildert vorgefunden. Sie nehmen einen sehr großen Raum im Text ein, wohl auch deshalb, weil sie ebenso unvorhersehbar, ebenso fundamental sind wie das Leben selbst, das in Winterjournal aufgearbeitet wird:

Als Dich fünf Jahre später deine erste Panikattacke befiel, die urplötzliche, monströse Attacke, die dir durch den Körper schoss und dich zu Boden warf, warst Du nicht im Geringsten ruhig und einverstanden. Auch da hast du gedacht, du würdest sterben, aber diesmal hast du vor Angst geschrien, vor einer Angst, wie du sie noch nie zuvor erlebt hattest. […] Du hast auf dem Boden gelegen und gebrüllt, aus vollem Hals gebrüllt, gebrüllt, weil der Tod in dir war und du nicht sterben wolltest. (40)

Das tut weh und wer schon einmal Opfer einer Panikattacke war, weiß, dass Auster hier nicht übertreibt.

Mit gleicher Schonungslosigkeit schildert er später den Befall von Filzläusen, die ihm wie Krabben erscheinen, kaum größer als Marienkäfer. Es ist eine sehr schöne Illustration der poetischen Verkettung seiner Lebensabschnitte, wenn er im Absatz darauf anhebt, seine im Kindesalter betriebene Suche nach vierblättrigen Kleeblättern zu beschreiben:

Marienkäfer galten als Glücksbringer. Landete einer auf deinem Arm, solltest du dir, bevor er wieder wegflog, etwas wünschen. Auch vierblättrige Kleeblätter brachten Glück, und in deiner frühen Kindheit hast du unzählige Stunden lang auf Händen und Knien im Gras nach diesen kleinen Trophäen gesucht, die es wirklich gab, sich aber nur selten finden ließen und daher immer groß gefeiert wurden. (206)

Auf diese assoziative, vollkommen ungezwungene Art und Weise schreitet der Text voran, gelingt es ihm mühelos, über die Metapher des Marienkäfers auch Entferntes miteinander in Verbindung zu bringen.

Zuletzt natürlich die Liebe

Doch Winterjournal ist mehr als nur die Sezierung der eigenen körperlichen Unzulänglichkeit. Der Text ist auch und vor allem eine wunderschöne Liebeserklärung an diejenige Frau, die Paul Auster 1982 im Juni heiratete, die Schriftstellerin Siri Hustvedt. Seine zahlreichen Beziehungen und Affären in der Zeit vor ihrem ersten Zusammentreffen erscheinen lediglich als Marksteine auf einem Weg, der zwingend bei der Liebe seines Lebens enden musste:

Mit ihr war von Anfang an alles anders. […] Eine Schönheit, ja, zweifellos eine erhabene Schönheit, eine große schlanke Blondine mit prächtigen langen Beinen und den schmalen Handgelenken einer Vierjährigen, die größte kleine Person, oder vielleicht die kleinste große Person, die du je gesehen hattest, und doch war dies kein fernes Bild weiblicher Herrlichkeit, sondern ein lebendiger Mensch, mit dem du da sprachst. […] Intelligenz ist die einzige menschliche Eigenschaft, die sich nicht vortäuschen lässt, und als deine Augen sich an den blendenden Glanz ihrer Schönheit gewöhnt hatten, erkanntest Du, was für eine gescheite Frau sie war, einer der intelligentesten Menschen, denen du jemals begegnet warst. (219-220)

‚Intelligenz ist die einzige menschliche Eigenschaft, die sich nicht vortäuschen lässt‘; einer der Sätze aus Winterjournal, die man am liebsten immer wieder zitieren möchte.

Du bist in den Winter Deines Lebens eingetreten

Mit diesem Satz endet der Text und schließt den Kreis, der eingangs mit der Erforschung der eigenen Körperlichkeit begonnen hatte. Winterjournal ist ein Glücksfall und am Ende war ich fast ein wenig enttäuscht, denn ich hätte Auster gerne noch weiter zugehört. Dass er sein Leben derart packend zu gestalten versteht, Zusammenhänge sieht, wo sie ein weniger begabter Verstand nicht zu sehen imstande wäre und all das in einer hinreißend liebevollen, unkomplizierten Sprache unternimmt, macht ihn zu einem großen Autor und Winterjournal zu einem großen Buch.