Marcel Beyer: Kaltenburg

Marcel Beyer erhält in diesem Jahr den Georg-Büchner-Preis. Das ändert leider nichts an der Tatsache, dass Kaltenburg ein mittelmäßiger Roman geworden ist.

Dunkle Stellen der Biographie

Kurz vor Ende des Buches weist Klara, die Frau des Erzählers Hermann Funk, eine Szene aus Marcel Prousts Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als persönliches Schlüsselerlebnis der Lektüre aus. In dieser wasche sich der Erzähler die Hände:

[I]n solchen flüchtigen Momenten, die sich der Leser selbst ausmalen müsse, wenn er ihrer habhaft werden wolle, liege vielleicht das ganze Geheimnis des Proust.

Dass sie diese Szene erfindet, tut hier nichts zur Sache, denn sie kann gleichermaßen als nachgereichte Leseanleitung für Kaltenburg gelten. Das Wesentliche an der Figur des Professors Ludwig Kaltenburg liegt in den nur angedeuteten, flüchtigen Stellen von dessen Biographie: In seiner NSDAP-Mitgliedschaft, in seiner nebulösen Rolle als Arzt in einer Posener Nervenklinik, in seiner Haltung zum Stalinismus.

Auf der Suche nach der verlorenen Erinnerung

Ausgangspunkt der Erzählung bildet der Dialog Funks mit der Dolmetscherin Katharina Fischer, die aus beruflichen Gründen eine Einführung in die Ornithologie benötigt. Sie treibt den Erzähler überhaupt erst in die kritische Reflexion seiner Vergangenheit, die untrennbar mit Kaltenburgs Biographie verwoben ist, denn Funk wurde nach dem Tod seiner Eltern in der Dresdner Bombennacht des Professors geistiges Ziehkind.

Es ist demnach eine höchst interessante Konstellation, die Kaltenburg zugrunde liegt. Dass der Roman dennoch nicht überzeugt, liegt hauptsächlich an vier Dingen.

Erstens fehlt der rote Faden, der Spannungsbogen der Geschichte: Bis zum Ende des V. Teils gehen die Hinweise auf die kritischen Punkte in Kaltenburgs Biographie in endlosen Beschreibungen der Präparation von Vogelkadavern unter. Als Leser fragt man sich so unweigerlich, wo genau das hinführen soll und selbst das gelungene Ende entschädigt dafür nicht vollständig.

Zweitens ähnelt Ludwig Kaltenburg als Figur frappierend den Vogelbälgen seiner eigenen Sammlung: Er mag zumindest streckenweise schön anzusehen sein, wirkt aber durchweg unbelebt. Dies liegt am fehlenden Spannungsbogen, es liegt aber auch an der Vagheit seines Charakters selbst, die sich bis zum Ende behauptet.

Drittens und als zumindest anteilige Folge der geschilderten Unbelebtheit geht die stumpfe Verehrung des Schülers für den Professor auf die Nerven, die in endlosen Wiederholungen ausgebreitet wird. Dies auch, wenn man sie als Blindheit des zu lange geblendeten Eleven begreift.

Viertens trägt leider auch die Sprache zum erstarrten Eindruck des Buches bei. Kaltenburg ist trotz einiger eindrucksvoller Szenen – die virtuose und überraschende Einführung des Erzählers selbst und die Schilderung der Bombennacht – äußerst zäh geschrieben. Sicherlich ließe sich hier trefflich mit dem Leitsatz des Romans argumentieren, Leben heiße beobachten und eine eingehende Beobachtung erfordere Geduld. Aber beobachten heißt auch unterscheiden und die Unterscheidung zwischen Handlungsrelevanz und –irrelevanz misslingt in Kaltenburg zu oft. Ständig liest man zudem von Spekulationen, die durch ’sei es, dass‘-Konstruktionen eingeleitet werden. Das alleine kann dem Leser den Spaß an einem Roman verderben und es hätte spätestens beim Lektorat auffallen müssen.

Von der Selbstständigkeit des Kunstwerks

Es ist möglich, dass Kaltenburg an Bedeutungstiefe gewinnt, wenn man sich in der Biographie Konrad Lorenz auskennt, der offensichtlich Pate stand für Beyers Figur des Professors. Ein Kunstwerk sollte jedoch auch für sich stehen können und betrachtet man den Roman aus dieser Perspektive, bleibt er seltsam fad und unentschlossen. Er lässt den Leser, der Name der Hauptfigur scheint es vorwegzunehmen, sprichwörtlich kalt.

Kaltenburg
Published by: Suhrkamp Verlag
Edition: Erste Auflage
ISBN: 978-3-518-41920-5
Available in: Hardcover