Ich möchte mich jetzt waschen. Schuld daran ist nicht das schweißtreibende Sommerwetter, Schuld daran ist Der Angestellte aus der Feder Guillermo Saccomannos. Warum der Roman trotzdem zu den besten Büchern gehört, die ich im laufenden Jahr gelesen habe, erfahren Sie in der folgenden Besprechung.

Guillermo Saccomanno: Der Angestellte

Der Angestellte

Von der Angst des Aufbegehrens

Der Angestellte führt ein erbärmliches Leben in einer kalten argentinischen Militärdiktatur. Er schuftet jeden Tag im Büro, um seine verhasste Frau und seine Kinder, von ihm nur ‚die Brut‘ genannt, zu versorgen. Erbärmlich ist jedoch vor allem er selbst. Sein Lebensmotto:

 sich ducken und überleben. (169)

Ein Leben im Konjunktiv

Es ist daher wenig verwunderlich, dass seine verzweifelte Suche nach Identität einem Leben im Konjunktiv gleicht. Der Angestellte träumt von einem Ausbruch aus seiner Existenz und glaubt in einer Affäre mit der Sekretärin seines Chefs einen Weg hinaus gefunden zu haben. Doch wie alle anderen Figuren des Romans mit Ausnahme des Kollegen vom Nebentisch fehlt auch ihr jegliche Wärme: Sex ja, gerne Fisting, Liebe nein.

Kafka, Dante, Dystopie

Nicht zu Unrecht wird Der Angestellte mit Kafkas Texten verglichen: Die überbordende Bürokratie des Arbeitsalltags, die entpersonalisierte und auf ihren beruflichen Status reduzierte Hauptfigur, die präzise und doch unausdeutbare Prosa. Während Kafkas Texte allerdings auch durch ihre Subtilität beunruhigen, rempelt einen Der Angestellte direkt an:

Im ersten Morgenlicht wird ein Lastwagen kommen und die verstreuten Leiber einsammeln. Die Sammler machen keinen Unterschied, ob einer bewusstlos ist oder bereits in einer besseren Welt. Wenn sie ihn mitnehmen, findet sich der Bewusstlose, sollte er zu sich kommen, in einem Massengrab wieder oder in der Krematoriumsglut der Müllverbrennungsanlage. (132-133)

Ein bekanntes Zitat Kafkas aus einem Brief an Oskar Pollak lautet:

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen.

Dantes Hölle nach Boticelli

Dantes Hölle (Quelle: physiologus.de)

Er hätte Saccomannos Roman geliebt, denn hier beißt und sticht alles: Der Schmutz der Welt, die Kälte der Figuren, ihre Hoffnungslosigkeit. Doch nicht nur Kafka taucht immer wieder auf, zahlreiche kanonische Autoren geben sich im dystopischen Buenos Aires die Klinke in die Hand. Ein Sinnspruch trägt gar den parabolischen Lebenslauf des Angestellten in sich:

 Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. (101)

Diese Erfahrung musste schon Dante in der Göttlichen Komödie machen, warum sollte es also dem Angestellten in der modernen Hölle des Büros/der Diktatur/des Ehelebens anders ergehen?

Vom Scheitern der Identität

Man sieht: Nicht nur der Angestellte wird durch den Mangel an Vor- und Zunamen um seine Identität gebracht, auch der Text spielt geschickt mit einem derartigen Verlust, indem er an zentralen Stellen Zitate und Reminiszenzen einstreut. Dass es ihm dabei trotzdem gelingt, in einer unwiderstehlichen Sprache eine vollkommen eigene Welt zu erschaffen, ist das große Verdienst des Schriftsteller und auch der Übersetzerin.