Wilko Steffens

Mein Literaturblog: Alles rund ums Gedruckte

Nach der Hölle kommt das Purgatorium | Jonathan Franzens Unschuld

Jonathen Franzen: "Unschuld", Philip Roth: "Die Demütigung"

Benachbart und doch nicht verwandt: Jonathan Franzens „Unschuld“ und Philip Roths „Die Demütigung‘.

Unschuld ist zum einen eine treffend gewählte Übersetzung, gibt es doch im gleichnamigen Roman Jonathan Franzens niemanden, der unschuldig wäre. ‚Reinheit‘, so die eigentliche Übertragung des Titels aus dem Englischen, wäre es hingegen auch gewesen und das nicht nur, weil Purity der Name derjenigen jungen Frau ist, an deren (Familien)geschichte sich die ganze Erzählung entzündet. Der Text ist eine einzige psychologische Tiefenbohrung und in diesem Anliegen zuweilen bis ins Mark treffend. Keine einfache Lektüre also, aber in jedem Falle die investierte Zeit wert.

Am Anfang war die Suche

Purity Tyler, genannt Pip, ist auf der Suche nach ihrem Vater, dessen Identität ihr von ihrer exzentrischen Mutter vorenthalten wird. Diese Suche treibt sie in die Arme von Andreas Wolf, einem charismatischen Whistleblower, der seinerseits vom Wahn besessen ist, seinen eigenen Namen – stets das negative Vorbild Assange vor Augen – in der Öffentlichkeit möglichst rein, eben ‚pure‘, zu halten.

Vom Masochismus zwischenmenschlicher Beziehungen

Diese Ausgangslage lässt bereits vermuten, dass es der Leser mit schwer beschädigten Figuren zu tun hat, die allesamt nicht als Sympathieträger taugen: Ihr Movens ist die Suche nach einem Ausweg aus der Hölle in Richtung Purgatorium. Das mag einem gefallen oder nicht; fest steht jedenfalls, dass Franzen sein Personal mit all seinen Idiosynkrasien auf eine Weise formt, die Unbeteiligtheit auf Seiten des Lesers ausschließt. Mehr noch: Dank seiner fantastischen Beobachtungsgabe und seiner fast schon beschämenden Perfektion, jede noch so komplexe Motivation allgemeinverständlich und vor allem packend zu schildern, gerät Unschuld zu einem der spannendsten Bücher, die ich gelesen habe, ohne diese Spannung mit psychologischer Oberflächlichkeit zu erkaufen.

Selten hatte ich das Gefühl, derart direkt von einem Buch angesprochen zu werden, was fantastisch und erschreckend zugleich ist, denn die Besessenheit der Figuren führt einem unweigerlich die Tatsache vor Augen, dass Spuren davon auch im eigenen, allgemeinmenschlichen Ich zu finden sind.

Als Beispiel dafür mag das Kapitel [lelo9n8a0rd] dienen, in dem die Beziehung des Journalisten Tom Aberant zur Künstlerin Anabel Laird beschrieben wird. Von Beginn an steht sie unter einem schlechten Stern, ist sie doch auf beidseitigem unbefriedigtem Masochismus begründet, den Tom folgendermaßen zusammenfasst:

Jede Droge ist eine Flucht vor dem eigenen Ich, und meine Droge war es, mich für Anabel wegzuwerfen, etwas offensichtlich Falsches zu tun, damit es ihr besser ging, und dann die Ekstase ihrer neu erwachten Überschwänglichkeit auszukosten. (564)

Jeder, der einmal in einer unglücklichen Beziehung gefangen war, wird diesen Satz nicht nur bestätigen, er wird ihn sprichwörtlich fühlen können.

Komposition und Sex

Abseits aller Beziehungsdramen ist Unschuld aber auch aufgrund seiner meisterhaften Komposition eine Ausnahmeerscheinung auf dem Markt. Die Anordnung der einzelnen Kapitel, die wohldosierten Hinweise auf das sich erst am Ende offenbarende Große Ganze, machen das Buch zu einem echten Pageturner, den ich nur sehr ungern aus der Hand gelegt habe. Es bliebe natürlich noch viel zu sagen über die gesellschaftskritische Komponente und den Umgang mit der Geschichte. Das sprengte hier jedoch den Rahmen. Wenn man sich überhaupt an etwas stören möchte, dann möglicherweise am großen Raum, den die Sexualität einnimmt und dessen überdeutlichen Bezug zu Philip Roth. Während ich das permanente Ficken, Bumsen und Blasen bei Roth v.a. in der Demütigung (weniger allerdings in Exit Ghost) als sehr unglaubwürdig und störend empfand, ist es in Unschuld allerdings integraler Bestandteil des Macht/Ohnmacht-Gefüges, das den Text konstituiert.

Eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen habe.

Unschuld
Published by: Rowohlt
Date Published: 09/04/2015
Edition: 1. Auflage
ISBN: 978-3-498-02137-5
Available in: Hardcover

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  1. Ricardo Reis

    Ich zitiere mal aus meinem Lesetagebuch im literaturforum:

    „Nicht weiter erwähnenswert empfand ich meine erste, sehr zähe Urlaubslektüre, Jonathan Franzens „Unschuld“. Spätestens ab der Mitte hat’s mich nur noch gequält, die Welt aus gutbürgerlicher Sicht mag diese Färbung annehmen und diese Probleme hervorbringen, aber dieses Stücklein aus alter DDR, neuer Welt und ein paar Verschwörungen und das auf ein paar Figuren projizierte Gut/Böse-Schema hat mir persönlich trotz ansprechender sprachlicher Umsetzung und einiger kluger Sätze nichts gegeben, was mich zum Weiterdenken reizen könnte. Und zu viel auf die Couch gelegte Figuren sind mein Ding nicht.“

    Ich glaube, man muss das Milieu einfach mögen 🙂

    Ansonsten Grüße nach langer Zeit 🙂

    • Wilko Steffens

      Besten Dank für den Kommentar, ich kann die kritische Einstellung dem Buch gegenüber vollkommen nachvollziehen; zumal dann, wenn einem zu bohrende Ausflüge in die Unvollkommenheiten der menschlichen Psyche nicht zusagen. Gut und Böse sind hier allerdings m.E. nicht einfach auf einzelne Figuren applizierbar, dazu sind sie zu komplex angelegt.

      Was das Handlungskonstrukt angeht: Wie in dem Artikel geschrieben, finde ich das Buch unglaublich packend und kunstvoll komponiert. Die DDR, die ja hier als Keimzelle aller weiteren für „Unschuld“ wichtigen Verschwörungen herhält, ist als literarisches Thema natürlich schon gut bearbeitet. Fernab von der Frage, wie man sich nach Uwe Johnson damit befassen könnte, passt es aber ins Gesamtbild.

      Aber Geschmäcker sind ja glücklicherweise verschieden und gerade im Falle von Franzen gehen die Meinungen ohnehin weit auseinander.

      Ein schönes Wochenende mit hoffentlich spannender Lektüre :-).

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