Die Londoner Tower Bridge in den 20er Jahren

Die Londoner Tower Bridge in den 20er Jahren (Quelle: welt.de)

Am Anfang steht die Leichtigkeit einer zwanglosen Entscheidung an einem wunderschönen Sommermorgen:

Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen. (7)

Clarissa Dalloway gibt eine Abendgesellschaft und hat dementsprechend einige Besorgungen zu machen. An dieser Rahmenhandlung, lediglich die Zeitspanne eines einzigen Tages im Jahre 1923 umfassend, entzündet sich ein wahres Feuerwerk innerer Befindlichkeiten, die – ganz im Sinne des vielzitierten ‚Stream of Consciousness‘ – in assoziativer Verkettung Einblicke in das Seelenleben der Figuren gewähren.

Den Ulysses als Vorbild?

Wem dabei der Name James Joyce einfällt, liegt so falsch nicht. Auch der Ulysses spielt an einem einzigen Tag im Leben einer Figur, Leopold Bloom, auch er folgt der narrativen Technik des Bewusstseinsstroms.

Das war es dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Während Joyce sprachlich experimenteller vorgeht, im 14. Kapitel gar die Historizität englischer Prosa durchdekliniert, ist es bei Woolf die raffinierte syntaktische Verschachtelung, die scheinbar Unverbundenes nebeneinanderstellt, aufeinander bezieht, und den Assoziationsketten ihrer Figuren einen schriftlichen Ausdruck verleiht. Das zwingt den Leser zur Langsamkeit: Für Mrs Dalloway braucht man Zeit.

Zeit als strukturbildendes Element

Die Zeit ist nun auch eines der maßgeblichen Themen des Romans. Architektonisch strukturiert durch die regelmäßigen Glockenschläge Big Bens, tragen dessen Figuren ihre ganz persönlichen Vergangenheiten in die erzählte Gegenwart hinein, perforieren die Grenze zwischen dem Damals und dem Heute.

Septimus Smith, traumatisierter Veteran des allgegenwärtigen Ersten Weltkriegs, stets mäandernd auf dem schmalen Grat zwischen Vernunft und Wahnsinn, wähnt überall seinen ehemaligen Kameraden, den Offizier Evans, der in Italien fiel, kurz vor dem Waffenstillstand:

Da war seine Hand; da waren die Toten. Weiße Wesen sammelten sich hinter dem Geländer gegenüber. Aber er wagte nicht hinzusehen. Evans war hinter dem Geländer! (S. 27)

Smith, dessen verbreiteter Zuname wohl nicht zufällig auf die damalige Allgemeingültigkeit seines Schicksals verweist, ist die zweite Hauptfigur, eng verbunden mit Mrs. Dalloway selbst, wenngleich die beiden sich niemals persönlich begegnen. Doch auch sie kennt die Gespenster der Vergangenheit, ihre alte und verschmähte Liebe Peter Walsh lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Permanent fragt sie sich, wie ihr Leben wohl hätte verlaufen können, wäre sie nicht ihrer Vernunft gefolgt, die sie in die Ehe mit Richard Dalloway getrieben hat, einem höflichen, aber ihrem Naturell überhaupt nicht entsprechenden Charakter.

Die Abendgesellschaft

Alle Themen des Romans kommen auf großartige Weise zusammen im Rahmen der abschließenden Abendgesellschaft. Äußerlich trägt diese vollkommen konventionelle Züge, das Innenleben der Figuren eröffnet jedoch ein sehr viel differenzierteres Bild. Durch den Nervenarzt Septimus  Smiths, der als einer der Gäste auftritt, erfährt Clarissa Dalloway vom Schicksal des Kriegsversehrten und erkennt einmal mehr, dass ihr Leben auch hätte ganz anders verlaufen können:

Oh! dachte Clarissa, mitten in meiner Gesellschaft ist der Tod anwesend (S. 178)

So setzt sich aus den verschiedenen Perspektiven, den ganz individuellen Wünschen, Sorgen und Ängsten der Figuren ein unglaublich dichtes und in seiner widersprüchlichen Reichhaltigkeit fast schmerzhaft greifbares Mosaik zusammen, das sowohl inhaltlich als auch sprachlich einzigartig ist. Mrs Dalloway gilt zu Recht als Klassiker der modernen Literatur und gehört zu den Büchern, die man nach Beendigung am liebsten sofort von Neuem beginnen würde.