Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche

Charles Bukowski: Der Mann mit der Ledertasche

Mit dem Januar beginnt auch das Jahr des Taschenbuchs und so habe ich als pflichtbewusster Blogger gleich heute einen Händler meines Vertrauens aufgesucht, um meine Bibliothek zu erweitern. Ursprünglich sollte Örtlich betäubt von Günter Grass mein erstes Buch der Aktion werden, da ich als großer Freund der Danziger Trilogie und Beim Häuten der Zwiebel auch mal einen Blick die etwas weniger euphorisch aufgenommenen Texte werfen wollte. Dann bin ich beim Stöbern in den Regalen jedoch über Charles Bukowskis Der Mann mit der Ledertasche gestolpert und habe das schmale Bändchen gleich mitgenommen. Warum? Aufgrund der wahnsinnigen Widmung.

Von der Wucht der ersten Sätze

Der Mann mit der Ledertasche beginnt mit einer Zueignung, die möglicherweise gar keine ist:

Dies ist ein Roman.

Er ist niemandem gewidmet.

Ein wahrhaft furioser Beginn, fächert er doch eine Bedeutungspluralität auf, die manche Autoren auf tausend Seiten nicht zustande bringen.

Was mir zunächst in die Augen sprang, ist die scheinbar unpassende Selbstbestätigung des Textes, der meint, sich vergewissern zu müssen, auch wirklich als Vertreter der Gattung ‚Roman‘ zu gelten. In Kombination mit dem expliziten Bekenntnis, niemandem gewidmet zu sein, ergibt sich gleich zu Beginn, noch vor Einsetzen der eigentlichen Handlung, ein groteskes, ja witziges Bild. Beide Sätze scheinen vollkommen überflüssig und machen gerade deshalb hellhörig.

Diese Hellhörigkeit setzte bei mir den nächsten Gedanken frei: Was, wenn es ein Niemand wäre, dem der Roman gewidmet ist? Sicher, die Kleinschreibung spricht dagegen. Allerdings handelt das Buch, so viel erfährt man bereits bei Lektüre des Klappentextes, offenbar tatsächlich von einem Niemand nach gutbürgerlichem Werteverständnis; nämlich von einem Briefträger, der säuft, hurt und sich einen Scheißdreck um Obrigkeiten kümmert.

Wenn das so wäre, so mein dritter Gedanke, dann möchte ich diesen Niemand unbedingt kennenlernen. Ein Niemand, dem ein derart unschlüssiger Text gewidmet ist, dass er sein buchstäbliches Dasein mit Hilfe einer unpassenden Selbst-Be-Gattung zu legitimieren versucht, muss eben doch ein Jemand sein.

Und ein Roman (?), dessen Widmung Stoff für einen ganzen Blogartikel liefert, sollte sich perfekt dafür eignen, mein Jahr des Taschenbuchs zu eröffnen. Sorry, Günter.

P.S.: Wollt Ihr mehr über das Jahr des Taschenbuchs erfahren, schaut am besten bei Kielfeder oder bei Die Liebe zu den Büchern vorbei. Dort erfahrt Ihr alles über die Idee dahinter und die Teilnahmebedingungen.