Das Jahr 2015 geht zur Neige und wann wenn nicht jetzt wäre die Zeit für ein kleines literarisches Resümee? Nachfolgend findet Ihr die fünf Bücher, die mich in den vergangenen zwölf Monaten am meisten beeindruckt haben. Die Liste folgt keiner Hierarchie und nicht alle Werke sind 2015 erschienen. Bestimmt habe ich einiges vergessen oder bin aus Zeitgründen noch nicht zur Lektüre gekommen. Daher freue ich mich über jede weitere Anregung im Kommentarbereich. Jetzt aber erst einmal viel Spaß beim Lesen.

Günter Grass: Hundejahre

Bücher des Jahres 2015 - Günter Grass: Hundejahre

Günter Grass: Hundejahre

Günter Grass Tod am 13. April dieses Jahres markierte eine Zäsur für die deutsche Literaturgeschichte. Kaum ein Autor hat Nachkriegsdeutschland einen prägnanteren poetischen Stempel aufdrücken können als der geistige Vater Oskar Matzeraths. Der Erfolg seines Erstlings Die Blechtrommel mag dabei Segen und Fluch gleichermaßen gewesen sein: Die überschwängliche Rezeption (und der späte Nobelpreis) einerseits und die schier unmögliche Aufgabe, gegen diesen Monolithen bestehen zu müssen, andererseits. Grass hat das einzig Richtige getan und weitergeschrieben. Das mag man mal mehr, mal weniger gelungen finden, die Hundejahre als Abschluss der ‚Danziger Trilogie‘ haben mich allerdings entgegen der eher verhaltenen Kritik nachhaltig beeindruckt. Dafür ließen sich viele Gründe anführen: Die konsequente und glaubwürdige Ambivalenz der Figuren, der erzähltheoretisch außerordentlich gelungene Kunstgriff, jedem der drei Bücher eine eigene Erzählerstimme zu leihen, die Idee, die Rassentheorie der Nazis anhand des Stammbaums des titelgebenden Schäfer(!)hundes zu persiflieren. Am nachdrücklichsten und auch schmerzvollsten ist allerdings die Aktualität des Buches im Angesicht des derzeit wieder salonfähigen rechten Gedankenguts: Alle selbsternannten ‚besorgten Bürger‘ können in den Hundejahren nachlesen, dass ein auf Exklusivität basierendes Gesellschaftsmodell nur Verlierer hervorbringen kann.

Hier geht es zur Rezension der Hundejahre.

Stephen King: Tommyknockers

Bücher des Jahres 2015 - Stephen King: Tommyknockers

Stephen King: Tommyknockers

Was mich persönlich an Stephen King stets am meisten beeindruckt, ist die oft nahtlose Verbindung von Kunst und Trash. Auch Tommyknockers, bereits 1987 erschienen, bildet hier keine Ausnahme. Der Roman spielt mal wieder im Staate Maine, mal wieder geht es um eine Kleinstadt, über die das Grauen hereinbricht; dieses Mal in Form eines außerirdischen Artefakts, das den Bewohnern des besagten Örtchens zu geistigen Höchstleistungen verhilft, sie aber auch zu einer Bedrohung für die gesamte Menschheit macht.

King gelingt es in Tommyknockers wie so oft perfekt, die Befindlichkeiten in einer Kleinstadt einzufangen und er nimmt sich viel Zeit, um in die Geschichte einzuführen; nur, um dann fliegende Toaster auf die Menschheit loszulassen. Wen diese Form von Bruch nicht abschreckt, kann sich auf eine spannende Lektüre freuen, die ihre triviale Seite selbstironisch kommentiert. Schließlich heißt es dort von Bobbi Anderson, einer der Hauptfiguren, sie schreibe

gute alte Westerngeschichten, die man verschlingen konnte, nichts mit erfundenen Monstern und unanständigen Wörtern wie in den Büchern von diesem Burschen, der in Bangor wohnte.

Man muss kein King-Veteran sein, um zu erkennen, wer sich hinter dem ‚Burschen‘ verbirgt.

Jonathan Franzen: Unschuld

Bücher des Jahres 2015 - Jonathan Franzen: Unschuld

Jonathan Franzen: Unschuld

Unschuld war mein erster Roman von Jonathan Franzen und ich habe ihn trotz einiger ärgerlicher Passagen verschlungen. Die Suche Purity Tylers nach ihrem Vater und die Verflechtung ihres Schicksals mit demjenigen des Whistleblowers Andreas Wolf ist eine einzige psychologische Tiefenbohrung, die aufgrund der meisterhaften Komposition auch als spannender Thriller funktioniert. Dass Macht und Ohnmacht in Unschuld auf dem Feld der Sexualität verhandelt werden, verwundert nicht. Und auch wenn das nicht immer wirklich gut funktioniert – einige Szenen wirken doch allzu unglaubwürdig – ist der Sex integraler Bestandteil der Handlung und nicht bloß auf die Sensation schielendes Beiwerk.

Hier geht es zur Rezension von Unschuld.

Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Bücher des Jahres 2015 - Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Clemens J. Setz: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre

Wer dachte, dass Puritys Gestörtheit nicht überboten werden könne, kennt Natalie Reinegger nicht. Diese junge Dame ist die Hauptfigur in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Natalie arbeitet als Betreuerin in einem Wohnheim für behinderte Menschen. Zu ihren Klienten zählt auch Herr Dorm, ein an den Rollstuhl gefesselter Stalker, der vor Jahren die Frau seines Opfers, Herrn Hollbergs, in den Selbstmord trieb. Seither besucht Hollberg ihn regelmäßig, ein Arrangement, das, so wird Natalie versichert, zu beiderseitigem Vorteil funktioniere.

Das klingt verrückt? Ja, das ist es zweifelsohne, und doch bildet diese Konstellation nur die Spitze eines Eisbergs, dessen Fundamente so reichhaltig sind, dass der Platz hier nicht ausreicht, um sie angemessen zu beschreiben. Gespickt ist die literarische Tour de Force mit durchweg ungewöhnlichen, teilweise bemühten, immer aber witzigen Metaphern, die auch dann bei Laune halten, wenn die Handlung zeitweise nicht genau weiß, wo sie hin will. Vielleicht wird man sich dieses Buches in ein paar Jahren nicht mehr erinnern, vielleicht behält aber auch Ijoma Mangold Recht, wenn er dem Wälzer in seiner sehr lesenswerten Besprechung einen Kultstatus attestiert. Die überbordende Obsession des Werkes macht Die Stunde zwischen Frau und Gitarre in jedem Falle zu einer außergewöhnlichen Lektüre.

Hier geht es zur Rezension von Die Stunde zwischen Frau und Gitarre.

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel vs. Dan Brown: Inferno

Eco schlägt Brown

Ich mache keinen Hehl aus meiner Meinung, dass ich Umberto Eco als Romancier für überbewertet halte, weil er der Gelehrsamkeit seiner Bücher in der Regel wesentlich mehr Platz einräumt als der Charakterentwicklung, der Handlung und der Poetizität. Dennoch hat es Das Foucaultsche Pendel  in die Liste meiner Bücher des Jahres geschafft, weil es scharfsinnig aufräumt mit allen gängigen Verschwörungstheorien. In Zeiten, in denen krude politische Strömungen gegen die Massenmedien mobil machen und wirklich jede noch so dämliche Deutung weltgeschichtlicher Ereignisse propagieren, solange sie nicht dem Mainstream entspricht, bleibt ein Buch wie dieses wichtig. Leider ist anzunehmen, dass es an der eigentlich angesprochenen Zielgruppe vorbeigeht. Das ändert aber nichts an dessen Aktualität.

Hier geht es zur Rezension von Das Foucaultsche Pendel.

Was sind Eure Bücher des Jahres 2015?

Jetzt seid Ihr gefragt. Welche Bücher haben Euch in 2015 am nachhaltigsten beeindruckt? Was habe ich übersehen? Schreibt Eure Meinung gerne in den Kommentarbereich.