Karl Ove Knausgård beginnt seinen autobiographischen Romanzyklus mit einem Titel, der eher Ende als Beginn verheißt, der in der deutschen Übersetzung gleichwohl kaum passender hätte gewählt werden können. Denn Sterben erzählt nicht bloß von der Auseinandersetzung mit dem Vater, es erzählt auch vom Tod des Handwerks zugunsten der Form. Das macht den Roman neben all der erschriebenen Alltäglichkeit zu einem faszinierenden Text über die Ideale und Möglichkeiten der künstlerischen Selbstbehauptung.

Loslösung von der väterlichen Übermacht

Im Fokus des Textes steht das komplexe Verhältnis Knausgårds zu seinem Vater, einem herrischen, wortkargen und für den Sohn schier übermächtigen Menschen, der zum Zeitpunkt der Niederschrift bereits verstorben ist. Im ersten Teil erzählt der Autor von seiner Kindheit und Jugend im Elternhaus, von seinem Heranwachsen, seinen ersten sexuellen Gehversuchen, seinem ersten Rausch und schließlich auch seinem Wunsch, sich schreibend vom Vater zu befreien.
Der zweite Teil ist dem Tod des Vaters gewidmet, der Trauer- und Aufräumarbeit nach dessen Ableben. In aller Ausführlichkeit und Schonungslosigkeit schildert Knausgård, wie er zusammen mit seinem Bruder Yngve die verdreckte Wohnung säubert, die abertausenden Flaschen zusammensammelt und über diese Tätigkeiten und die dadurch ausgelösten Reflexionen seinem Vater vielleicht näherkommt als jemals zuvor im Leben. Das ist Katharsis im weltlichen wie im geistigen Sinne.

Vom Primat der Form

Es zeugt unzweifelhaft von übersteigerter Hybris, ein derartiges Mammutprojekt vorzulegen, es als autobiographischen Romanzyklus zu deklarieren und sich selbst damit als literarischen Chronisten der Gegenwart auszustellen. Und doch ist es dieser bisweilen unverbundene Aufeinanderprall von Banalität und künstlerischer Reflexion, der das Buch so spannend und außergewöhnlich macht. Denn es geht in Sterben nicht bloß um die Auseinandersetzung mit dem Vater, es geht, wie in den folgenden Romanen des Zyklus auch, um das Schreiben. Um ein Schreiben mithin, das Knausgårds Idealvorstellung zufolge in erster Linie Form sein solle:

Das ist ihr [der Literatur, W. S.] einziges Gesetz: Alles muss sich der Form unterordnen.

Bezeichnend ist, dass ihn dieser Wille zur Form lange Zeit davon abhielt, sich schreibend mit seinem Vater auseinanderzusetzen:

Jahrelang hatte ich versucht, über meinen Vater zu schreiben, es aber nie geschafft, wahrscheinlich, weil dies meinem eigenen Leben zu nahe kam und sich dadurch nicht so leicht in eine andere Form zwingen ließ, die doch Voraussetzung für Literatur ist.

Das Paradoxon der Autobiographie

Treibt man Knausgårds Formulierung auf die Spitze, kann Sterben kaum einen autobiographischen Status für sich reklamieren; kein gedrucktes Werk könnte dies und auch die Gattungsbezeichnung des Textes spricht dagegen. Dass dieses Paradoxon des Autobiographischen zum Thema einer explizit als autobiographisch charakterisierten Abhandlung wird, hat seinen ganz eigenen Reiz. Einen Reiz mithin, der sich aus der jedem Menschen vertrauten Spannung zwischen Alltagserfahrung und Idealvorstellung speist und der durch Knausgårds Beobachtungsgabe eine Form gewinnt, die tatsächlich in der Lage ist, das Allgemeine im Besonderen sichtbar zu machen.

Diese Rezension ist im Zusammenhang mit meinem März-Beitrag zum Jahr des Taschenbuchs entstanden. Die Übersichtsseite erreicht Ihr per Klick auf den Link.