Günter Grass: Katz und Maus

‚Katz und Maus‘ von Günter Grass

Das Jahr 1961 ist vorüber und im literarischen Zeitalter des Hausfrauen-SM lockt ein ehemals heißdiskutierter Onanierwettbewerb pubertierender Jugendlicher weder Katz noch Maus mehr hinter dem Ofen hervor. Was aber bleibt von Günter Grass gleichnamiger Novelle? Kann Katz und Maus als Bindeglied zwischen dem monumentalen ersten und dem häufig unterschätzten dritten Teil der ‚Danziger Trilogie‘ bestehen? Der Versuch einer Antwort.

Pilenz und Mahlke: Wie Katz und Maus

Katz und Maus handelt im Wesentlichen von der ambivalenten Beziehung des Ich-Erzählers Pilenz zu Joachim Mahlke, einem Mitschüler des Conradinums in Danzig. Mahlke ist eigenbrötlerischer Außenseiter, sein exponiertes Merkmal ist sein übergroßer Adamsapfel, der gleich zu Beginn der Novelle einer Katze zur Maus wird:

So jung war die Katze, so beweglich Mahlkes Artikel – jedenfalls sprang sie Mahlke an die Gurgel; oder einer von uns griff die Katze und setzte sie Mahlke an den Hals; oder ich, mit wie ohne Zahnschmerz, packte die Katze, zeigte ihr Mahlkes Maus: und Joachim Mahlke schrie, trug aber nur unbedeutende Kratzer davon. (S. 451)

Dieser Zwischenfall scheint es zu sein, der Mahlke seine Außenseiterrolle bewusst macht und fortan versucht er alles, um seinen ‚Artikel‘ durch andere Artikel an seinem Hals zu übertrumpfen: Einen Schraubenzieher, ein erst gestohlenes, später dann erworbenes Ritterkreuz. Er spornt sich selbst zu sportlichen Höchstleistungen an und bleibt Pilenz, seiner menschlichen Katze, immer ein paar Schritte voraus.

Pilenz Antrieb

Was aber treibt Pilenz dazu, Mahlke schreibend auf die Schliche zu kommen zu wollen? Sicherlich sind es Schuldgefühle, schließlich beteiligt er sich trotz aller Bewunderung maßgeblich an den bösen Jungenstreichen und lässt Mahlke zum Schluss im Stich, indem er seine Hilfe bei dessen Fahnenflucht entgegen aller Absprachen verweigert.

Sicherlich ist es aber auch die faszinierende Ungreifbarkeit des Freundes, denn während Pilenz sich stetig an Mahlke abarbeitet, scheint ihn dieser überhaupt nicht zu brauchen. Das Wesen der Maus bleibt der Katze unerreichbar und nicht zuletzt deshalb klammert sich Pilenz in seinem Bericht in der Hauptsache an Äußerlichkeiten:

Schön war er [Mahlke, W.S.] nicht. Er hätte sich seinen Adamsapfel reparieren lassen sollen. Womöglich lag alles nur an dem Knorpel.
Aber das Ding hatte seine Entsprechungen. Auch kann man nicht alles mit Proportionen beweisen wollen. Und seine Seele wurde mir nie vorgestellt. Nie hörte ich, was er dachte. Am Ende bleiben sein Hals und dessen viele Gegengewichte. (S. 467)

Aus diesen Zeilen spricht eine Sehnsucht, die nicht mehr gestillt werden kann, denn Mahlke bleibt verschwunden, bleibt auf ewig ungreifbar für Pilenz und Leser.

Fazit

Diese Ungreifbarkeit ist möglicherweise mitverantwortlich für die Ratlosigkeit, in die mich Katz und Maus gestürzt hat. Unzweifelhaft ist es ein lesenswertes Buch, auch kompositorisch faszinierend durch die dichten Verknüpfungen mit der Blechtrommel und den Hundejahren. Oskar hat hier ebenso den einen oder anderen Auftritt wie Tulla Pokriefke. Bei mir bleibt vor allen Dingen der Eindruck der Sehnsucht zurück, ein ganz ähnlicher Eindruck wie ich ihn beim Lesen von Arnes Nachlaß hatte. Und doch – vielleicht ist es das Schicksal eines mittleren Teils – auch der Eindruck des Unabgeschlossenen. Letztlich haben mir sowohl Die Blechtrommel als auch die Hundejahre besser gefallen. Da mir die Danziger Trilogie allerdings immer den Eindruck eines in sich geschlossenen Werkes vermittelt hat, ist auch Katz und Maus weit vom Mittelmaß entfernt. Als Einstieg in die Grassche Erzählwelt eignet sich die Novelle allerdings eher nicht.

Katz und Maus
'Katz und Maus' als Teil einer Komplettausgabe der 'Danziger Trilogie'
Published by: Deutscher Taschenbuch Verlag
Date Published: 10/01/1997
ISBN: 3-423-08439-1
Available in: Paperback