Richard Laymon: In den finsteren Wäldern

Richard Laymon wird unter Fans fantastischer Literatur kontrovers diskutiert: Den einen gilt er als der Repräsentant des modernen Horrors schlechthin, den anderen als abschreckendes Beispiel für stilistisch limitierte Gewaltpornographie. Grund genug also, einen seiner Romane zur Hand zu nehmen. Im Folgenden erfahrt Ihr, warum In den finsteren Wäldern trotz unüberlesbarer Schwächen ein unverschämtes Unterhaltungspotential besitzt.

In den finsteren Wäldern lauert das Grauen

Die beiden Freundinnen Neala und Sherri machen auf dem Weg in den Urlaub in einer kleinen Ortschaft namens Barlow Halt und werden dort prompt von den Einwohnern festgesetzt, die sie in der Nacht an einen Baum des nahegelegenen Waldes ketten. Dort werden sie bereits von den Krulls erwartet, einer uralten Gemeinschaft von Waldbewohnern mit großem Hunger auf Menschenfleisch.

Ein abgedrehter Alptraum aus Sex und Tod

Wer sich auf Laymon einlässt, der sollte eine besondere Rezeptionshaltung mitbringen. Es geht nicht um stilistische Brillanz, es geht direkt und ungeschönt um die niederen Triebe des (nicht immer) Menschlichen: Gewalt und Sexualität. Laymon schert sich in In den finsteren Wäldern erfrischend wenig um narrative Konventionen, ohne einführende Erläuterungen wird der Leser direkt ins Geschehen geworfen. Dieses präsentiert sich inhaltskonsequent als außerordentlich saftige Angelegenheit, denn Blut und Befruchtungsflüssigkeit spritzen seitenweit und im Minutentakt. Dass dabei Spannung und Schockwirkung vollständig auf der Strecke bleiben, versteht sich von selbst. Sicherlich sind die Wandlungen einiger Figuren – vor allem diejenige des Familienvaters und Poe-/Shakespeare-Liebhabers Lander Dills – interessant und besitzen zumindest das Potential für eine tiefergehende Auseinandersetzung; insgesamt bleibt das Personal aufgrund der fehlenden Charakterzeichnung aber vollkommen farblos, was durch einige gänzlich deplatzierte Sexszenen nur unterstrichen wird.

Auch Schund kann unterhaltsam sein

Diese Kritikpunkte tun dem Unterhaltungswert des Laymonschen Zweitlings  gleichwohl keinen Abbruch: Ganz im Gegenteil erinnert das Buch auf angenehme Art und Weise an die einschlägigen Horrorfilme aus seiner Entstehungszeit. Es ist absoluter Schund im positiven Sinne des Wortes und es will auch gar nicht mehr sein. Wäre es ein Film, es liefe sicherlich auf Dauerrotation des SchleFaZ-Marathons, wenn auch in vermutlich stark gekürzter Fassung.

Gekürzt ist im Falle von In den finsteren Wäldern in mehrfacher Hinsicht ein gutes Stichwort, denn die Editionsgeschichte des Romans zeugt von genau so vielen Verstümmelungen wie die Geschehnisse rund um die Krulls. Ursprünglich nur in einer um viele Szenen erleichterten Fassung in den USA erschienen, machte Laymon seinen Verlag für die schlechten Verkaufszahlen verantwortlich. Es ist seiner Tochter zu verdanken, dass In den finsteren Wäldern inzwischen in einer vollkommen ungekürzten Fassung erhältlich ist.

Wer blutigen Trash mag, mag auch In den finsteren Wäldern

Man muss kein hartgesottener Leser sein, um seine Freude an diesem Roman zu haben. Dazu bleiben die Figuren zu blass und dazu lässt das wahnsinnige Erzähltempo zu wenig Raum für Empathie oder Spannungsaufbau. Vergleiche mit Stephen King oder gar Edgar Allan Poe sind allein in dieser Hinsicht vollkommen verfehlt.
Man sollte jedoch eine Vorliebe für gutgemachten und im Rahmen dieses Perspektivs auch gutgeschriebenen Trash mitbringen. Sind diese Voraussetzungen gegeben, ist In den finsteren Wäldern in seinem unverstellten Anarchismus unverschämt unterhaltsam und eine klare Empfehlung.

In den finsteren Wäldern
Published by: Festa
ISBN: 978-3-86552-192-7
Available in: Ebook