Arno Schmidt Zettel's Traum

Arno Schmidt Zettel’s Traum (Quelle: eigenarbeit.org)

Heute soll es um ein ganz besonderes Buch gehen, eines, das nicht von ungefähr mit dem Ulysses von James Joyce verglichen wird, von dem bereits anderweitig die Rede war. Gemeint ist Zettel’s Traum, stammend aus der Feder Arno Schmidts, ebenfalls (wie Joyce) als unlesbar geltend, und allein schon aufgrund des großzügigen Formats furchteinflößend sondergleichen. Aber Achtung: Das hier wird jetzt KEINE Rezension, sondern vielmehr eine Art von Dialog mit dem Text, eine Annäherung in mehreren Teilen, die sich die Freiheit herausnehmen wird, auch mal einen Schritt zurückzutreten und bereits Geschriebenes wieder zu verwerfen. Warum? Weil ich schlicht und ergreifend noch nicht fertig bin mit dem Buch. Mit einem Buch, mit dem man möglicherweise überhaupt nicht fertig werden kann, wie auch das Blog unter schauerfeld.de beweist, das sich ausschließlich diesem Mammutwerk widmet. Daher ist das, was jetzt folgt, auch eher ein Lektürebericht ganz im Sinne Schmidts: Angetrieben von der Freude am Denken, manchmal arg von oben herab, sich häufig ins Trivial-Frivole ergießend, und – ganz wichtig – nicht im bierseligen Ernst philologischer Erörterungen taumelnd. Denn einen gelehrten Kater möchte ich selbst vermeiden und Ihnen ersparen.

Zu den nackten Fakten

Schmidt war schon ein Fuchs: Da schreibt er sich dumm und dämlich an einem Roman, der seine sprach- und literaturwissenschaftlich-psychoanalytische Theorie der ETYMS (dazu später mehr) nicht bloß entfaltet, sondern auch auf Ebene des Textes durchdekliniert und macht damit natürlich alle Germanisten und Literaturwissenschaftler scharf…Nur, um sein Werk dann in einer auf 2.000 Exemplare limitierten und signierten Typoskriptausgabe vorzulegen, die nicht bloß schnell vergriffen, sondern auch sauteuer war – zumindest für uns Bücherwürmer.

Nun ja, dem hat der Suhrkamp Verlag mit seiner ‚Bargfelder Ausgabe‘ abhelfen können, die 2010 in herkömmlichem Satz erschien; zu vergleichsweise erschwinglichen 348 Euro…

Das Buch wiegt über sieben Kilo und eignet sich daher nur bedingt als Bettlektüre; es sei denn, man sieht aus wie Arnold Schwarzenegger in seinen besten Jahren und ernähert sich in der Hauptsache von Tabletten und Hühnchen. Eine Bettlektüre ist es gleichwohl und ganz im Sinne der ETYM-Theorie durchaus, denn es geht hinter der Fassade in erster Linie um sexuelle Schweinereien, die mit Edgar Allan Po(e) zu tun haben.

Zettel’s Traum – Zur Handlung

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Im Jahre 1968 hat der Ich-Erzähler Daniel Pagenstecher, seines Zeichens Privatgelehrter und hormongesteuerter Intellektueller, die Übersetzer Paul und Wilma Jakobi mitsamt ihrer Tochter Franziska zu Besuch und unternimmt mit ihnen einen Spaziergang durch die Lüneburger Heide. Zwischen dem Ehepaar und Pagenstecher entzündet sich eine lebhafte Diskussion an einer geplanten Neuübersetzung des Werkes Edgar Allan Poes.

Das klingt erst einmal nicht nach einer packenden Handlung, schon gar nicht, wenn man den Umfang des Buches bedenkt. Im Zentrum von Zettel’s Traum steht allerdings etwas anderes, eine der psychoanalytischen Literatur- und Sprachwissenschaft abgetrotzte Theorie, die sich um den ambivalenten poetisch-semantischen Status des dichterischen Wortes dreht und dieses mit Hilfe der bereits erwähnten ETYMS zu erklären versucht.

ETYMS will be ETYMS

Im i. Buch, ‚Das Schauerfeld oder die Sprache von Tsalal‘, erläutert Pagenstecher auf Seite 30 der ‚Bargfelder Ausgabe‘ zum ersten Mal etwas ausführlicher, was er unter ETYMS versteht:

‚Was ‚Worte‘ sind, wißt Ihr – ?‘; / (sie nickten so schnell : !) / (Glückliches Völkchen; mir war’s nich ganz klar.)). : ‚Also das bw spricht Hoch=Worte. Nun wißt Ihr aber, aus FREUDS’s ‚Traumdeutung‘, wie das ubw ein eigenes Schalks=Esperanto lallt; indem es einerseits Bildersymbolik, andrerseits Wort=Verwandtheiten ausnützt, um mehrere – (immer aber im Gehirn des Wirtstieres engbeieinanderlagernde !) – Bedeutungen gleichzeitig wiederzugeben. Ich möchte nun diese neuen, wortähnlichen Gebilde – die sowohlerzogen der scheinbaren Präzision der Normalsprache dienen; als auch den fehllustig=doppelzüngelnden Amfibolien der ‚Hinter’=Gedanken – ‚ETYMS‘ heißen : der obere Teil des Unbewußten : spricht ‚ETYM‘.‘. (Wie wir sonst sagen : ‚One of the chaps speaks English‘) / (Sie verarbeiteten an der Subtilität.) / : ‚Das bedeutet natürlich : daß, aufgrund dieser ränkespinnerischen Sinnwendewippchen, ein dem Feinsinnigen gänzlich unerwünschter Janus=Effekt auftritt.‘ / – ) : ‚Also was der Filologe ‚Wurzeln‘ nennt ?‘; W. / (‚Homonyme ? -‚ probierte P. / ‚Was sich reimt?‘; (Fr, unsicher ..) / : ‚Ihr habt Alledrei etwas Recht; s trifft’s aber doch nicht ganz : Etyms will be Etyms‘.

Was damit gemeint ist? Vielleicht könnte man bis hierher sagen: Ein Modus, um das freudsche ‚Es‘ auch im grundsätzlich zensierten Rahmen schriftlich-reflektierter Kommunikation sichtbar zu machen.

Raffael Madonna Sixtina

Raffael: Madonna Sixtina (Quelle: wikipedia.de)

Ein wenig später im i. Buch präzisiert Pagenstecher seine Theorie anhand von Raffaels Madonna Sixtina, die bei Franziska als Druck über dem heimischen Bett hängt:

In ‚SIXTINA‘ steckt erst einmal sixteen = 16. Weiterhin auch ein ‚Sex=Teener‘ […] Weiterhin wäre ‚ma Donna‘ die Anrede eines italienisch=Liebenden für ‚Meine Herrin‘; meine ‚Angebetete‘. Und endlich darf man, mit sixteen, auch bei Uns ungestraft (vom Gesetz) beginnen, den holden=himmlischen Übergang von der ‚Jungfrau‘ zur ‚Mutter‘ vollziehen zu lassen. (S 69)

Pagenstecher ergänzt diese Ausführung um die Erläuterung, es handle sich dabei um einen klassischen Fall psychoanalytischer Sublimierung, in der sich unbewusste und vom ‚Ich‘ lediglich in abgewehrter Form zugelassene Unterströmungen im Veredelungsprozess durch die Kunst Bahn brächen. Man sieht: Ohne Psychoanalyse keine ETYMS! Wer demnach Freuds Theorie vor allem im Kontext der literaturwissenschaftlichen Interpretation grundsätzlich ablehnt, wird auch an Zettel’s Traum keine Freude haben. Ich gebe zu, dass mir Schmidt an der einen oder anderen Stelle der Lektüre auch ein wenig zu dogmatisch an der klassischen psychoanalytischen Lehre klebt und diese, wie auch die ‚Arno-Schmidt-Stiftung‘ in ihrem sehr schönen Beitrag zur Etymtheorie schreibt, auf die literarische Praxis zu übertragen versucht. Ganz von der Hand zu weisen ist der durch die ETYMS beschriebene Einbruch des Unbewussten in den bewussten sprachlichen Ausdruck indes nicht. Darüber hinaus – und auch darum ging es Schmidt – regen die dadurch in Gang gesetzten Gedankenketten zum Schmunzeln an und tragen ganz besonderen Anteil am oft pubertären, aber stets unvergleichlichen Humor des Buches.

Zur sprachlichen Dreispaltigkeit – Die Form von Zettel’s Traum

Dreispaltiger Satz von 'Zettel's Traum' (S. 62 - 63 der Bargfelder Ausgabe)

Dreispaltiger Satz von ‚Zettel’s Traum‘ (S. 62 – 63 der Bargfelder Ausgabe)

Fest steht jedenfalls: Die Theorie der ETYMS bildet einen zentralen Dreh- und Angelpunkt der Interpretation und der Übersetzerarbeit des poeschen Werkes im Kontext von Zettel’s Traum. Auch die Form des Romans zeigt – ebenso wie Umfang und Stil – den konventionellen Lesegewohnheiten genüsslich den Mittelfinger: Der Text ist in drei Spalten aufgeteilt, deren mittlere die Handlung vorantreibt, während die linke und die rechte wahlweise mit Reflexionen Pagenstechers und / oder Zitaten Edgar Allen Poes gespickt sind. Viele Quellen im Netz sprechen von einer eindeutigen Aufteilung: links Poe, mittig Handlung, rechts Erzähler-Kommentar; einer Aufteilung, die aber keinesfalls durchgehalten wird und möglicherweise nicht einmal den prozentualen Löwenanteil des Textes ausmacht.

Um die Sache zusätzlich zu verkomplizieren, hält Schmidt, wie schon an den Zitaten erkennbar, nicht allzu viel von den Regeln der Orthographie, sondern erprobt sich an einem Stil, der bewusst an das mündliche Lautbild angepasst ist. Auch dies ist Programm, denn, wie Pagenstecher auf Seite 125 bemerkt, handelt es sich bei den ETMYS um „Wort=Assoziationen“ (S 75):

 Während der allgemein bekannten S=Zuphälle, die Worte gern verunscharft werdn : zu ETYMS ebm. Das Klang= – (ergo, wenn man ehrlich sein will, auch) – das Schrift=Bild, muß, um jener Schtimmung fonetisch=gerecht zu werdn, den Träger=Worten eine Überproduktion an Buchschtab aufzwingen. Die typografische Struktur wird ’schau=Mich‘ werdn; ‚geschwollen‘ wirkn; die DUDEN=Wörter verwandeln sich in ‚komplexe Größn‘ mit (meist=mehreren) ‚imaginären‘ Con’poenentn. ‚Orthograffie‘ ist die, (mit Recht), eingeführte & festgehaltene, Basis der Communication – für die Etyms? ist sie nur ein ammüsanter Hindernis=Rennplatz; auf dem sie ihre ganze Gelenkichkeit zeign könn’n.

Ganz ähnlich wie Jacques Derrida mit seiner Dekonstruktion vermittelt Schmidt seine Theorie nicht auf herkömmliche Weise, sondern lässt sie sich im Rahmen ihrer eigenen kommunikativen Mittel artikulieren. Dies verlangt dem Leser einiges ab, macht aber den Disput der Parteien Pagenstecher und Jakobi plausibel. Ferner ist die sprachliche Virtuosität in Zettel’s Traum durch diesen Umstand eben nicht bloß selbstzweckhaft, sondern inhaltlich geradezu zwingend.

Ein erstes Fazit

Dieser Artikel beschäftigt sich vornehmlich mit dem i. Buch aus Zettel’s Traum und diesbezüglich vor allem mit der für den Roman zentralen Theorie der ETYMS. Die anderen Bücher werden in separaten Beiträgen ganz im Sinne der in der Einleitung beschriebenen Annäherung vorgestellt. Es gäbe hier noch so viel mehr zu sagen: Über die allgemeinen intertextuellen Bezüge, über Pagenstechers zumindest anteilig rückwärtsgewandte Überzeugungen, über die besprochenen Werke Poes, die vor dem Hintergrund der Lektüre von Zettel’s Traum zu einer erneuten Entdeckung einladen; immerhin ist die titelgebende Sprache von Tsalal dem einzigen Roman des amerikanischen Schriftstellers entnommen, dem Bericht des Arthur Gordon Pym aus Nantucket. Das alles sprengt den Rahmen eines Blog-Beitrags, es böte Stoff für eine ganze Bibliothek. Und genau darum macht mir die Lektüre von Zettel’s Traum solch einen Spaß: Sie verbindet Hochtrabendes mit Trivialem, sie fordert und belohnt, sie ist gleichzeitig ernst und lustig, sie ist unerschöpflich. Danke, Arno Schmidt, für ein solches Buch!