Wilko Steffens

Mein Literaturblog: Alles rund ums Gedruckte

Henry Millers „Sexus“ | Dem Untier geht die Puste aus

Henry Millers Sexus

Henry Millers Sexus (Quelle: buecher-magazin.de)

Was wurde über Henry Millers ersten Teil der Trilogie The Rosie Crucifixion nicht alles geschrieben. Während der Rowohlt Verlag nach wie vor auf die Attraktion des Skandalösen setzt – „geil, obszön, diabolisch“ prangt in großen Lettern ein Zitat des ‚Hamburger Abendblatts‘ auf dem Umschlag – sieht das Bücher Magazin in dem Text ein überschätztes Werk, dessen vermeintliche Schamlosigkeit heutzutage lediglich von historischem Interesse sei. Fest steht jedenfalls eines: Der Name ist Programm, denn der ohnehin schon körperlich interessierte Miller verliert sich bisweilen komplett zwischen den Beinen seiner Figuren. Das ist in der Tat manchmal geil, auf Dauer aber eher stumpf. Der beste Porno büßt eben irgendwann seinen Reiz ein. Daher die berechtigte Frage: Was bleibt von demjenigen Text, der wohl mehr Zeit als jeder andere Millers auf diversen Indizes verbrachte?

Willkommen in Henry Millers Welt

Zunächst einmal: Eine radikale und abstoßende Egozentrik, die sowohl diejenige des Wendekreises als auch diejenige der Stillen Tage in Clichy locker in den Schatten stellt. Dieses Buch schreit einen förmlich willkommen: Willkommen in der Welt Henry Millers, in der es nur Platz für eine Figur gibt; Sie erraten es: Henry Miller selbst! Sicher ist das ein Kunstgriff und sicher hat eine derartige Ich-Bezogenheit ihren ästhetischen Reiz. Aber nicht knapp 700 Seiten lang, 700 Seiten, auf denen ansonsten eher Ebbe herrscht im Handlungsgefüge: Es wird gebumst, gevögelt, gefickt, es werden Mösen, Titten, Ärsche und Schwänze belutscht und befühlt, unterbrochen lediglich von philosophischen Passagen, die zwar reichlich prätentiös daherkommen, jedoch weder einer emotionalen noch einer intellektuellen Prüfung standhalten dürften.

Sexus arbeitet Henry Millers biographische Erlebnisse im New York der Jahre 1923-1927 auf. Er beschreibt, wie er June Mansfield kennenlernt, im Roman kaum verhüllt auftretend als Mara bzw. später als Mona. Für sie verlässt er seine Frau Maude, die unmittelbar nach dem Bruch wieder zum Objekt seiner sexuellen Begierde wird. Aus dieser der Sexualität eigenen Dialektik zwischen Begehren und Überdruss hätte sich eine interessante Studie machen lassen, alle Anlagen dazu sind vorhanden und es heißt nicht umsonst im Dritten Buch:

Es ist sonderbar, dass ein Körper, wie vertraut er auch dem Auge und der Berührung sein mag, beredt geheimnisvoll werden kann in dem Augenblick, wo wir spüren, dass sein Besitzer sich uns entzieht. (297)

All diese Anlagen werden allerdings ad absurdum geführt durch die comichafte Promiskuität der Hauptfigur: Der fiktive Henry Miller geht wirklich mit jeder Frau ins Bett, selbst mit dem volltrunkenen irischen Mädchen, dem er zuvor hatte helfen müssen,

ihren Tank zu entleeren. […] Ich war nahe daran, mich zu übergeben, als sie mich schließlich bat, sie hochzuheben. Als ich ihr die Hose hochzog, konnte ich nicht umhin, mit der Hand über ihren Rosenbusch zu streichen. (554)

Lecker geht anders und an kaum einer anderen Stelle von Sexus gerät der Text mehr zur Karikatur. Mag sein, dass dies gewollt ist, überzeugend ist es nicht.

Und ums Schreiben geht es auch

Nicht zuletzt ist auch Sexus gesättigt von Anspielungen auf das Schreiben selbst. Mehrfach vergleicht sich der Erzähler mit Dostojewski, angesichts des vorliegenden Textes grenzt das an Majestätsbeleidigung. Was nicht bedeutet, dass alles über den russischen Schriftsteller Geschriebene falsch wäre. Kaum eine Stelle ist wahrer als diese:

Als ich Arthur Raymonds Spiel zuhörte, wurde mir bewusst, dass ich, wenn ich jemals ein Pianist sein wollte, noch einmal von vorne würde beginnen müssen. Ich fühlte, dass ich nie wirklich Klavier gespielt hatte – ich hatte nur darauf gespielt. Etwas Ähnliches war mit mir geschehen, als ich zum ersten Mal Dostojewski las. Er hatte alle andere Literatur weggefegt. (‚Nun höre ich wirklich Menschen reden!‘, hatte ich mir gesagt.) (595)

Es sind Passagen wie diese, Vergleiche wie diese, die mich Sexus haben überstehen lassen, dieses überbordende Untier von einem Buch, sprachliche Müllhalde und literarischer Hymnus. Ein Untier ohne Frage; aber eines ohne Puste. Miller, das kannst Du besser!

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  1. Klasse Buch! Er redet gar nicht viel von Sex (leider oder Gott sei Dank!) Es ist eine einzige Ich-Suche oder Findung, wie man Schriftsteller wird. Warum das prüde Amerika anno dazumal seine Bücher nicht mochte, bleibt ein Rätsel!

  2. Wilko Steffens

    Besten Dank für den Kommentar. Und ja: Das Buch ist in erster Linie eine Ich-Suche, aber eine, die m.E. nicht über psychologische Allgemeinplätze hinauskommt. Ich bin ein großer Freund von Millers Literatur, aber „Sexus“ hat mir nicht wirklich zugesagt. Zu platt, zu kontur- und vor allem zu zahnlos.

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