David Amerland: Google Semantic Search

Nur knapp über 200 Seiten dick, aber voller Informationen. David Amerlands Google Semantic Search.

Da ich nicht nur ein Freund guter Literatur bin, sondern mich beruflich im Bereich der Suchmaschinenoptimierung bewege (siehe dazu meine Artikel über WDF*IDF und das Panda-Update sowie meine Rekapitulation der SEMSEO 2013), ist mir auf Empfehlung eines geschätzten Kollegen ein Buch in die Hände gefallen, das sich mit Googles Neuerungen im Bereich der semantischen Suche beschäftigt. Die Rede ist von David Amerlands Google Semantic Search. Warum es trotz anteiliger Überholung durch die jüngste Entwicklung der Szene zur Standardlektüre eines jeden SEOs gehören sollte, lesen Sie im Folgenden.

Semantische Suche: Was ist das eigentlich?

Bevor ich mich selbst an einer Definition versuche, lassen wir doch einfach David Amerland sprechen:

By its very definition semantic search is all about computational answers rather than just discovering 10 top sites where you would have to go look for the answers to the questions yourself and as it grows and its store of knowledge becomes better defined and more reliable, we will start to see more instance where it provides an outright answer, right there on the search page. (26)

Der Unterschied zum keyword- und linkbasierten Algorithmus liegt dabei klar auf der Hand:

The pre-semantic web delivered links that were present on search because of the keywords contained in the pages they represented. The semantic web delivers outright answers and pages that are directly associated with the question we have typed in search. (7)

Doch was heißt das konkret für den Suchenden? Dies lässt sich recht einfach an einem Praxistest veranschaulichen. Gebe ich bei Google die Frage: Wann starb Franz Kafka? ein, gibt es die Antwort darauf direkt auf der Ergebnisseite (SERP):

Googles Antwort auf die Suchanfrage: Wann starb Franz Kafka

Googles Antwort auf die Suchanfrage: Wann starb Franz Kafka

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte Google mir – die Standardeinstellungen vorausgesetzt – zehn Websites vorgeschlagen, in denen diese Frage explizit gestellt worden wäre. Nun bekomme ich die Antwort direkt in den Suchergebnissen; ohne auf einen einzigen Link geklickt zu haben!

Ist SEO tot?

Natürlich stellt sich angesichts derartiger Neuerungen einmal mehr die Frage: Ist SEO tot? Die Antwort darauf lautet: Selbstverständlich nicht, lediglich die Vorzeichen haben sich geändert. Geht es nach Amerland, sind die Zeiten vorbei, in denen gute Platzierungen in den SERPS durch gekaufte Links und herkömmliche Keywordoptimierung möglich waren. Was zukünftig sehr viel stärker zähle, sei das Vertrauen in die jeweilige Marke und eine positive Berichterstattung darüber im WWW. Diese Entwicklung scheint logisch, denn wie Amerland ausführt, ist eine semantische Suche gleich welchen Anbieters nur durch Nutzervertrauen möglich, das auf der Vertrauenswürdigkeit der Inhalte fußen muss:

Veracity and trust are major concerns on the semantic web. As search becomes more hidden in its mechanics we rely more and more on its results, and having confidence in how those results are derived is crucial. (191)

Author Rank und andere Anachronismen

Es dürfe demnach, folgt man Amerlands Ausführungen, zukünftig in der Suchmaschinenoptimierung nicht mehr so sehr darum gehen, durch akribische Beobachtung den Google-Algorithmus zu überlisten: Vielmehr würden die vier Vs – volume, velocity, variety und veracity – in der semantischen Suche eine übergeordnete Rolle spielen. Nur, wer in stetem Turnus (velocity) neue und nutzerorientierte Inhalte verschiedener Formate bereitstelle (volume & variety) und den Wahrheitsgehalt dieser Inhalte jederzeit verifizierbar halte (veracity), könne auf lange Sicht eine erfolgreiche Web-Präsenz aufbauen.

Dass Amerland in diesem Zusammenhang dem Author- und Publisher-Tag ein besonderes Gewicht zuweist, mag rückblickend wie eine Fehleinschätzung wirken, da die Autorenbilder bereits seit Juni 2014 aus den SERPS verschwunden sind. Den eigentlichen Kern seiner Argumentation untergräbt diese Entwicklung indes nicht, denn Markup und Author Rank können durchaus als unterschiedliche Dinge betrachtet werden. Wie Danny Sullivan in seinem sehr lesenswerten Artikel für Search Engine Land darlegt, gibt es gute Gründe anzunehmen, dass sich Google trotz Abwendung vom Author-Tag nicht zwingend zugleich auch vom Konzept des Autors als Rankingfaktor verabschiedet hat.

Fazit

Dieses letzte Beispiel zeigt gleichzeitig die Möglichkeiten und die Grenzen gedruckter Literatur über ein Betätigungsfeld auf, dessen Vorzeichen sich prinzipiell täglich, wenn nicht minütlich ändern. Auf der einen Seite ist Google Semantic Search bereits bei Erscheinen veraltet gewesen. Auf der anderen Seite bietet es gründlichen Überlegungen über die Richtung Raum, die die semantische Suche in Zukunft nehmen könnte. Und genau hier liegt die große Stärke des Buches: Leicht verständlich, jederzeit nachvollziehbar und stets mit Blick auf die praktische Umsetzung führt David Amerland durch seine Argumentation und bietet zu jedem Kapitel eine Bibliographie mit übewiegend wissenschaftlicher Literatur zum Thema an. Damit hebt er sich angenehm von vielen Blogartikeln ab, die zwar – dies liegt in der Natur der Sache – aktueller sind, die aber gleichzeitig keine Perspektive auf das große Ganze bieten. Das Buch predigt daher nicht bloß die vier Vs, sondern führt sie an sich selbst vor. Und das ist dem an einigen Stellen etwas unreflektierten Zukunftsoptimismus zum Trotz mehr, als viele SEO-Bücher von sich behaupten können. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung, die meine Perspektive erheblich erweitert hat.

Google Semantic Search
Ein Buch, das SEO-Techniken speziell für die neuesten Entwicklungen im Bereich der semantischen Suche vorstellt und diskutiert.
Published by: QUE
Edition: Erste Ausgabe
ISBN: 978-0-7897-5134-8
Available in: Paperback