Wilko Steffens

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Frank Herberts „Der Wüstenplanet“ – Vom Reichtum der Wüste

Frank Herbert, Dune - Der Wüstenplanet

Frank Herberts Der Wüstenplanet ist eine literarische Legende, ein schier unangreifbarer Monolith der modernen Science Fiction-Literatur. Darf man so ein Buch überhaupt besprechen? Man darf und man sollte, denn ungeachtet aller Faszination gibt es auch Dinge, die stutzig machen.

Kein Mythos ohne Erlöser

Die Handlung des Romans folgt den üblichen Konventionen messianischer Narration. Nachdem sein Vater Leto, frischgebackener Lehnsherr über den Wüstenplaneten Arrakis, einem heimtückischen Mordkomplott des verfeindeten Hauses der Harkonnen zum Opfer gefallen ist, muss der junge Paul Atreides mit seiner Mutter in die Wüste fliehen. Dort erfüllt er sein Schicksal als Lisan al-Gaib, als Prophet der Fremen, des auf Arrakis ansässigen Wüstenvolks, und nimmt schreckliche Rache an den Harkonnen.

Von der Perfektion des Wüstenplaneten

Shai-Hulud, der Sandwurm von Arrakis

Shai-Hulud, der Sandwurm von Arrakis, mit einem Fremen (Quelle: deviantart.com)

Diese Geschichte ist auf die eine oder die andere Art unzählige Male erzählt worden und sie ist in Der Wüstenplanet vornehmlich Mittel zum Zweck, denn der wahre Hauptdarsteller des Romans ist der titelgebende Planet Arrakis. Hier liegt die große Stärke des Romans, denn die Komplexität der erzählten Welt, die bis ins letzte Detail durchdacht erscheint, nimmt von der ersten Seite an gefangen. Arrakis ist gefährlich, Arrakis ist hässlich und birgt dennoch Hoffnung und Schönheit in sich. Vor allen Dingen ist Arrakis ein ökologisches System, in dem nichts überflüssig ist, in dem alle Elemente miteinander in Verbindung stehen, ein System, das durch die Shai-Hulud, die riesigen Sandwürmer, zusammengehalten wird. Diese produzieren das Gewürz Melange, das seherische Fähigkeiten verleiht und das – von den Navigatoren der Raumgilde konsumiert – die Grundlage der Raumfahrt bildet. Die Melange ist das wertvollste Gut in Herberts Universum.

Djihad und Eugenik: Rassentheoretische Konzepte in Der Wüstenplanet

Im Gegensatz zur fortschrittsgläubigen Science Fiction  ist Der Wüstenplanet in einer post-maschinellen Welt angesiedelt, im Zeitalter nach Butlers Djihad, einem umfassenden Kreuzzug gegen die Maschinen. Der Djihad ist eines der zentralen Themen des Buches, denn Pauls Schicksal ist es, einen solchen als zukünftiger Anführer, von den Fremen Muad’dib genannt, zu entfachen. Natürlich wirkt dieses Reizwort heutzutage verstörend, vorhalten kann man es Herbert unter Bezugnahme auf die Entstehungszeit des Romans gleichwohl nicht. Seine erzählte Welt schöpft aus unzähligen religiösen und kulturellen Quellen und es ist gerade ihr Eklektizismus, ihr Detailreichtum und ihr kreativ rekombinatorischer Charakter, der sie einzigartig macht.

Bene Gesserit-Hexen

Die Bene Gesserit, wie in David Lynchs Verfilmung dargestellt (Quelle: wikipedia)

Unbestreitbar reaktionär ist jedoch die Mission der Bene Gesserit, jenes Hexenordens, dem auch Pauls Mutter Jessica angehört. Eines der maßgeblichen Anliegen der Bene Gesserit ist die genetische Züchtung des Kwisatz Haderach, eines nietzscheanischen Übermenschen mit schier unerschöpflichen mentalen Kräften. Sicherlich fällt dem Hexenorden im Roman eine ambivalente Rolle zu. Die Tatsache aber, dass Paul Atreides als Kwisatz Haderach das Universum zumindest im ersten Teil des Zyklus vom Bösen befreit, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Genetische Perfektion durch Ausschluss alles Artfremden zur Überwindung existentieller Probleme: Das klingt nicht zufällig nach dem Dritten Reich und die Haltung, die Der Wüstenplanet dazu einnimmt, ist verstörend, da er diese Form der genetischen Selektion sowie Manipulation als legitimen Ausweg aus der Tyrannei anbietet. Zugute halten muss man dem Text allerdings, dass Paul unter seinem Schicksal leidet, es bleibt demnach nicht unkommentiert.
[Update] Im zweiten Teil, Der Herr des Wüstenplaneten, wird diese Lösung relativiert, indem sie Pauls Scheitern nicht zuletzt an seine übermenschlichen Fähigkeiten koppelt. [Update Ende]

Von der Abwesenheit der Motivation

Abseits aller inhaltlichen Kontroverse wirft der Roman auch Fragen nach der erzählerischen Qualität auf. Vieles an der Geschichte bleibt im Nebulösen und wird nicht explizit erklärt: Das kann seinen Reiz haben, provoziert es doch den Leser zu verschiedenartigen Deutungen, die die erzählte Welt auch hergibt. Bisweilen stört es jedoch den Erzählfluss. So wird Butlers Djihad im Romantext gar nicht erwähnt, er bildet jedoch die unabdingbare Voraussetzung zum Verständnis des Zeitalters Shaddams IV. Hier hilft der Appendix, dessen zweiter Teil ‚Die Religion des Wüstenplaneten‘ erklärt, was es mit dem Krieg gegen die Maschinenlogik auf sich hat.

Ungleich ärgerlicher ist, dass das Komplott, dem Herzog Leto Atreides zum Opfer fällt, reichlich unmotiviert erscheint, da im Roman nicht deutlich wird, warum der Imperator Baron Harkonnen überhaupt unterstützt. Damit wirkt auch die ganze Lehensgeschichte rund um den Wüstenplaneten erzähllogisch wie ein überflüssiger Fremdkörper: Die Harkonnen hätten die Atreides auch ohne Probleme auf ihrem Heimatplaneten angreifen können. Dieses Umstands war sich wohl auch David Lynch bewusst: Er lässt seine Verfilmung mit einer Erklärung des Imperators Shaddams IV. beginnen, der sich aus Angst vor Herzog Letos Beliebtheit mit den Harkonnen verbündet. Das mag nicht besonders kreativ sein, es liefert jedoch eine Erklärung, die dem Roman schmerzlich fehlt.

Der Wüstenplanet – Der beste Science-Fiction-Roman aller Zeiten?

Karte von Arrakis, dem Wüstenplaneten

Karte von Arrakis, dem Wüstenplaneten (Quelle: dune.wikia.com)

Letztlich bleibt zu sagen, dass ganze Essays notwendig wären, um das reichhaltige Beziehungsgeflecht des Romans zu dechiffrieren und in der Tat existieren bereits unzählige davon. Der Wüstenplanet ist ein sperriges, ein faszinierendes Werk, dessen reaktionäre Tendenzen allerdings problematisch sind, obgleich sie, wie im Update weiter oben beschreiben, in den folgenden Bänden Ausgangspunkt kritischer Reflexionen werden. Dessen ungeachtet entwirft der Roman eine der faszinierendsten erzählten Welten und entwickelt – gerade auch aufgrund fehlender Erklärungen – eine ganz eigene Atmosphäre, der man sich nur schwer entziehen kann. Der Wüstenplanet gilt zu Recht als Klassiker der Science Fiction und bietet auch einer zweiten, dritten oder vierten Lektüre mannigfaltigen Stoff zum Abarbeiten. Ob er nun, wie so oft geschrieben, der beste Science-Ficition-Roman aller Zeiten ist, kann ich nicht beurteilen, wohl aber, dass es nur wenige Bücher gibt, die inhaltlichen Anspruch mit einem unverschämt hohen Unterhaltungspotential verknüpfen. Allein deshalb gehört es in jede gut sortierte Bibliothek.

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  1. Henning

    Da nimmt sich Wilko schon einmal eines mir wohlvertrauten Themas an, und dann hat er nur den ersten Band gelesen. Hach, wie tragisch. Da hätte ich tatsächlich mal ernsthaften Bedarf an einer Aufarbeitung 😉

    • Wilko Steffens

      Hehe, was nicht ist, kann ja noch werden. Ich lese gerade den zweiten Band, der tatsächlich einige Probleme des ersten aufgreift. Aufarbeitung klingt gut, ich kann mir gut vorstellen, dass ich von Deinem Dune-Wissen profitieren könnte. 🙂

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